Woche 50 / 2017

Danke, Du Esel!


Ich stehe dazu, dass mir Igel und Esel aus dem riesigen und faszinierenden Reich der Tiere besonders ans Herz gewachsen sind. Igel sind einzigartige Vermittler zur Welt der Natur. Ihr charakteristisches Aussehen und ihr Erscheinen in unsren Gärten und Siedlungsgebieten macht sie zu einer sehr beliebten Spezies. Igel gab es schon vor 60 Millionen Jahren. Und der Esel fasziniert mich deshalb, weil er seit Jahrtausenden ein treuer Helfer und Begleiter des Menschen ist. – Hätte der Schöpfer vor langer, langer Zeit mich beauftragt, die gewaltige und unsinkbare Arche mit je einem Pärchen aller Spezies zu beladen, ich hätte hinter seinem Rücken versucht mehrere Esel- und Igelpaare auf die ungewisse «Sintflut-Reise» mitzunehmen.


Nicht nur den Igeln geht es (SORRY)«versch ...» – auch den afrikanischen Eseln, die heute noch als lebende «Zugfahrzeuge» und «Schlepptiere» härteste Arbeiten leisten, nicht rosig. China, die kommende Wirtschaftsnation Nummer 1, postet, wie einst die europäischen Kolonialnationen nicht nur Afrikas Ländereien, deren Bodenschätze und Rohstoffe, sondern im grossen Stil auch Esel. – So berichtete kürzlich des «Tages-Anzeiger» auf der letzten Seite unter dem Titel «Chinas Hunger bedroht Afrikas Esel» Folgendes: «Eselbesitzer aus allen Staaten des Kontinents berichten seit Monaten über einen drastischen Nachfrageboom an ihren störrischen Tieren. In Niger wurden in diesem Jahr bereits 80 000 der Grautiere an internationale Händler verkauft. In Burkina Faso, einem der ärmsten Länder der Welt, schnellte die Zahl der verkauften Esel von 1000 im Vorjahr auf heuer 18 000 im ersten Jahresquartal in die Höhe. Zahlreiche Länder sahen sich nun gezwungen, den Export oder das Massenschlachten der grossartigen Nutztiere zu unterbinden. » – Experten zufolge leben in Afrika etwa 13 Millionen Exemplare des «Equus asinus», wie die langohrigen Unpaarhufer in der Wissenschaft genannt werden.

Gestern war er wieder landesweit unterwegs: «the old man». Mit hoffentlich unzähligen Überraschungen für Klein (vor allem) und Gross. Die Uhr läuft und läuft; man hat das Gefühl, als flögen einem die Wochen und Monate nur so um die Ohren. Ein Blick zum Abreisskalender bestätigt, dass dieser an «Blättli» arm geworden ist. Am kommenden Sonntag darf schon die zweite Kerze am Adventskranz bzw. -gesteck zum Brennen und Funkeln gebracht werden. Der Sankt Nikolaus, der gestern unterwegs war, ist zweifellos der volkstümlichste Heilige der Weihnachtszeit. Hierzulande freuen wir uns, ab und zu einen Nikolaus mit seinem Eselchen anzutreffen. – Was wäre der Samichlaus ohne den Esel? Was wäre die Menschheit ohne den langohrigen «Dulder»? Denn seit Tausenden von Jahren trägt er unsere Lasten für wenig Dank und karges Fressen.

Stellt sich die Frage, wie der Samichlaus zu seinem Esel kam. – Um den heiligen Nikolaus ranken sich viele Legenden, das brauche ich Ihnen, geschätzte Leserinnen und Leser, ja nicht zu sagen. Eine plausible und schöne Legende erzählt, wie er zu seinem treuen Begleiter, dem Esel, kam. Nikolaus soll 300 Jahre nach Christus in Lykien am Mittelmeer gelebt haben. Seine Eltern starben früh und hinterliessen dem Knaben ein grosses Vermögen. Doch der verteilte alles, was er hatte, unter den Armen und pilgerte mit seinem Esel ins Heilige Land. Zum klugen Mann gereift, wurde Nikolaus nach seiner Rückkehr in die Heimat zum Bischof von Myra ernannt. Als er nach der Feier aus dem Gotteshaus trat, empfing ihn sein Esel. Das Tier blieb sein ständiger Begleiter – bis zu Nikolaus’ Tod an einem 6. Dezember. Was oft vergessen geht: Der bescheidene Esel an der Seite vom Samichlaus mahnt, dass zur christlichen Gesinnung die Demut gehört. Leider etwas, was vom Aussterben bedroht ist. – Wo stünde die Menschheit wohl ohne die Schaffenskraft der Esel? – Esel wurden und werden als Arbeits- und Tragtiere schon früh hochgeschätzt. Obwohl auf ihrem unheimlich kargen Speisezettel nur Disteln, Heu und Wasser standen, trugen sie unermüdlich grosse Lasten über Stock und Stein. Prügel waren oft der einzige Lohn für ihre harte Arbeit. Dabei müssten wir die Langohren doch vergöttern, trug doch einer ihrer Spezies die mit Jesu schwangere Maria geduldig und mit sicherem Schritt nach Bethlehem.

Esel kamen bis vor wenigen Jahren bei uns öfter in Kreuzworträtseln als auf der Weide vor. Das hat sich grundlegend geändert; heute findet man die bescheidenen, fleissigen, liebenswerten und intelligenten Langohren doch zahlreicher als auch schon, und die Tendenz scheint steigend. In ärmeren, unterentwickelten, südlichen Ländern sind sie als Reit- und Lasttiere auch heute noch unentbehrlich. Die Schwerarbeiter sind manchmal unter ihrer grossen Bürde kaum zu entdecken. Das Gerücht, dass Esel billiger und genügsamer, aber leider auch dümmer als ihre wertvollen Verwandten sein sollen, hat sich leider bis heute hartnäckig gehalten. Dabei stimmen diese Vorurteile überhaupt nicht. Die Menschheit hat dem Vierbeiner einiges von ihrem Wohlstand zu verdanken. Esel gehören zur Tierfamilie der Pferde. Sie sind ausgesprochen gutmütig und geduldig. Dass sie nicht immer wollen, wie ihre Besitzer gerne möchten, zeugt eher von ihrem Charakter und ihrer Klugheit. – Schon vor rund 6000 Jahren hat man im unteren Nildelta Nubische Wildesel gezüchtet und zu wichtigen und unentbehrlichen Haustieren gemacht. Von dort aus breiteten sich die Hausesel allmählich über Nord- und Ostafrika, Ägypten und Vorderasien aus. – Erst etwa vor 3000 Jahren wanderten die Etrusker aus Asien in Italien ein und brachten so den Esel nach Europa mit. Es gibt bis heute kein Haustier, das bei so bescheidener Ernährung so viel zu leisten imstande ist.

Zu den Verwandten der Esel gehören nebst den Pferden auch die Zebras. Gab es im Jahre 1956 ganze 359 Grautiere im Lande, zählt heute der Bestand über 3000 Tiere. Ja, die Langohren, die bei guter Haltung gut und gerne 35 Jahre alt werden können, haben sogar eine Lobby. Seit einigen Jahren setzt sich nämlich die Schweizerische lnteressengemeinschaft der Eselfreunde (Sigef) für eine artgerechte Haltung ein und sie berät auch die Halter beim Verkauf oder Kauf der Tiere. – In den letzten Jahren hat auch unser Nikolaus wieder vermehrt Gefallen am genügsamen Schwerarbeiter gefunden. – Und wenn in den nächsten Monaten vielleicht wieder eine Schafherde auftaucht, dann kann man davon ausgehen, dass der einsame Schäfer auf seiner Tour mit den lebenden Rasenmähern von einem treuen Langohr begleitet wird. Ich wünsche Ihnen stets eine Eselsgeduld und uns allen etwas vom Mut der Langohren, damit wir vieles mehr hinterfragen. Geschätzte Leserinnen und Leser, das ganze Zeitungsmacher-Team wünscht Ihnen einen wunderschönen und besinnlichen 2. Advent. – Bis in einer Woche wieder.

BRUNO MUNTWYLER, CHEFREDAKTOR