Woche 43 / 2020

Mehr Natur am Waldrand


Mit kleinen Eingriffen die Waldränder aufwerten, um dort die Artenvielfalt zu erhöhen. Das ist Ziel der Arbeiten, die demnächst im Rikner Weidmoos durchgeführt werden. Ein Rundgang mit Förster Markus Bürki. Beim Scheibenstand in Riken biegen wir Richtung Wald ab. Nach einer kurzen Waldpartie geht es einem Feld entlang, wenig später stoppt Förster Markus Bürki sein Fahrzeug. «Hier im Weidmoos wird der Forstbetrieb demnächst Arbeiten ausführen, für die mit dem Kanton Aargau Vereinbarungen über Naturschutzmassnahmen im Wald abgeschlossen wurden», erläutert Bürki. Es gehe darum, sagt der 61-jährige Betriebsleiter vom Forst Oberaargau, der im Rahmen eines Leistungsauftrags seit 2003 für die Bewirtschaftung der Wälder der Ortsbürgergemeinde Murgenthal verantwortlich ist, die Waldränder aufzuwerten.


Ökologisch wertvolle Waldränder «Das Weidmoos ist ein idealer Platz, um zu zeigen, worum es geht», findet Bürki. Auf dieser Seite erfolge der Übergang vom Kulturland zum Wald sehr abrupt. «Der Wald kommt hier wie eine Wand daher», betont Bürki. Für viele Tierarten sei das problematisch. «Ihnen fehlen geschützte Warten, von denen aus sie sich aus dem Wald ins offene Land wagen können, besonnte Nist- und Brutgelegenheiten und ein vielfältiges Nahrungsangebot », betont er. Dann dreht er sich um neunzig Grad. «Dort hingegen haben wir den Ersteingriff vor ein paar Jahren vorgenommen », verweist er auf den benachbarten Waldrand. «Eine schöne Stufigkeit ist dort zu sehen», führt er aus. Entlang des Waldrands habe sich eine üppige Strauchschicht mit einem vorgelagerten Krautsaum entwickeln können, weil der Baumbestand vorgängig aufgelichtet worden sei. Gerade die Strauchschicht sei ein ökologisch unheimlich vielschichtiger und wertvoller Lebensraum für die Pflanzen- und Tierwelt, führt Markus Bürki weiter aus. Zusammen mit den zusätzlich angelegten Kleinstrukturen wie Ast- und Steinhaufen oder Totholz dient die Strauchschicht in erster Linie als wertvoller Unterschlupf für Tiere wie Ringelnatter, Waldeidechse, Feuersalamander, oder Mauswiesel. Interessant sind die Blüten und Beeren tragenden Sträucher aber auch für viele Vogelarten sowie Bienen und Hummeln. Unzählige Insekten und Pilze finden schliesslich im und auf dem Totholz erst ihre Lebensgrundlage.

Licht und Wärme auf den Boden bringen
Ersteingriffe im Rahmen des kantonalen Naturschutzprogramms erfolgen im Wald in einer Tiefe von 15 Metern. «Weil Straucharten licht- und wärmebedürftig sind, damit sie wachsen können, geht es bei den Eingriffen in erster Linie darum, Licht und Wärme auf den Waldboden zu bringen», erläutert Markus Bürki die geplanten Eingriffe. Das erreiche man, indem man Bäume mit grossen Kronen wie zum Beispiel Buchen entferne. Auch die serbelnde Weisstanne, die direkt am Waldrand steht, will Bürki entfernen. Sie wäre in absehbarer Zeit wohl interessant als stehendes Totholz, führt Bürki aus, weil sie direkt am Fahrweg stehe, müsse sie aber entfernt werden. «Der Schutz von Passanten geht vor», sagt Bürki bestimmt. Ganz allgemein achte man bei einem sogenannten Auflichtungsschlag aber darauf, ökologisch wertvolle Bäume wie es etwa Eichen sind, stehen zu lassen. Auch eine Gruppe von Faulbäumen bleibt stehen. «Der Faulbaum ist wertvoll, weil er die wichtigste Futterpflanze für die Raupen des Zitronenfalters ist», weiss Markus Bürki. Dann wird’s auf dem Rundgang durch den Wald stachelig. «Eines der drei ‹Forstunkräuter› – neben Seegras und Adlerfarn», sagt Markus Bürki lachend, als wir auf Brombeeren stossen. Die seien bei Forstwarten wenig beliebt, aber im Rahmen einer Waldrandaufwertung lasse man die Brombeeren stehen, weil sie vielen Tierarten als Unterschlupf dienen würden.

Vorbildlicher Aargau
Bezüglich Waldrandaufwertungen nimmt der Kanton Aargau schweizweit eine Vorreiterrolle ein. Gemäss dem 1996 verabschiedeten kantonalen «Naturschutzprogramm Wald» sollten bis Ende 2020 insgesamt 200 Kilometer Waldränder ökologisch aufgewertet werden. Dieses Ziel hatte der Aargau bereits 2013 umgesetzt. «Ja», bestätigt auch Markus Bürki, der sich als Förster im Aargau und im bernischen Oberaargau nach unterschiedlichen kantonalen Forstgesetzen richten muss, «in Sachen Naturschutz ist der Kanton Aargau fortschrittlich, pragmatisch und effizient.» Und der Kanton entschädige die Arbeiten auch angemessener als der Kanton Bern.

Erfolgreiche Umsetzung
Mit einer 2014 in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Revierförstern durchgeführten systematischen Erfolgskontrolle konnte nachgewiesen werden, dass die Aufwertungsmassnahmen an den Waldrändern mehrheitlich erfolgreich waren. 60 Prozent oder in absoluten Zahlen 12 der untersuchten 20 Waldränder wurden als «ökologisch wertvoll oder sehr wertvoll» beurteilt. Zusammenfassend ergab die Untersuchung unter anderem, dass die aufgewerteten Waldränder in gutem bis sehr gutem Zustand waren und dass die Gehölzevielfalt mit insgesamt 31 einheimischen Laubbaumarten ausgeprochen hoch war. Zudem zeigte sich, dass die wichtigsten Strukturelemente an den aufgewerteten Waldrändern zweibis achtmal stärker ausgeprägt waren als an einem durchschnittlichen Schweizer Waldrand.

Weiterführung der Naturschutzprogramms
Auf dem bisher Erreichten will der Kanton Aargau trotzdem nicht ausruhen, zeigten doch die Ergebnisse der zweiten Aargauer Waldinventur von 2016, dass im Übergangsbereich zwischen Wald und Offenland nach wie vor grosser Handlungsbedarf besteht. Deshalb wurde der Zielwert bei aufzuwertenden Waldrändern in der fünften Etappe des kantonalen «Naturschutzprogramms Wald» von bisher 200 auf 400 Kilometer erhöht. Arbeiten, die von den lokalen Forstbetrieben umgesetzt werden können. Willkommene Arbeiten in Zeiten, in denen Forstbetriebe kein Holz absetzen können, weil der Holzmarkt komplett zusammengebrochen ist. «Ja», bestätigt Markus Bürki, «wir sind froh um solche Aufträge.» Die Arbeiten bildeten auch für die Mitarbeitenden der Forstbetriebe eine willkommene Abwechslung, die sie in diesem Rahmen in einem nach wirtschaftlichen Kriterien bewirtschafteten Wald nicht ausführen könnten, führt Bürki weiter aus. Und nicht zuletzt würden die Arbeiten auch der Natur zu Gute kommen.