Woche 21 / 2019

Noahs Arche leert sich!


Ein brandaktueller Bericht zeichnet ein erschreckendes Bild vom Sterben der natürlichen Vielfalt auf der Erde. Mit der Natur geht es bergab wie nie. Und das Artensterben beschleunigt sich. Damit untergräbt der Mensch seine eigene Lebensgrundlage, so die eindringliche Botschaft des kürzlich vorgestellten Weltbiodiversitätsberichts. Rund eine Million von geschätzt acht Millionen Tier- und Pflanzenarten sind demnach vom Aussterben bedroht und der Niedergang der Natur habe ein Ausmass erreicht, dass schwerwiegende Folgen für den Menschen wahrscheinlich seien, so die Botschaft des Berichts, dessen Kernaussagen kürzlich vorgestellt wurden. Drei Viertel der Landfläche und zwei Drittel der Meeresfläche sind demnach bereits signifikant durch den Menschen verändert. Als Hauptprobleme nennt der Weltbiodiversitätsrat veränderte Land- und Meeresnutzung, direkte Nutzung von Pflanzen und Tieren, Klimawandel, Verschmutzung und invasive Arten.


Vier Milliarden Spezies (!!!) haben gemäss Schätzungen in den letzten 3,5 Milliarden Jahren auf der Erde gelebt. Rund 99,99 Prozent davon sind wieder verschwunden. Das Aussterben ist demnach nichts Besonderes. Normalerweise werden die verschwindenden Arten in einem steten Prozess durch neue ersetzt. Nur fünfmal in der Erdgeschichte wurde diese Regel durchbrochen: Es kam zu grossen Massensterben, bei denen mehr als 75 Prozent aller Arten das Zeitliche segneten. Das bekannteste und letzte Massensterben fand vor rund 65 Millionen Jahren statt: Innerhalb von 2,5 Millionen Jahren verschwanden circa 76 Prozent aller Arten, darunter die Dinosaurier – mit Ausnahme der Vorfahren heutiger Vögel. Nun spricht vieles dafür, dass wir gerade das sechste Massensterben der Erdgeschichte erleben. Nur ist diesmal kein Meteoriteneinschlag und keine von geologischen Prozessen verursachte Klimaveränderung verantwortlich, sondern der Mensch.

Auf den Roten Listen der Schweiz stehen 506 Arten, die den Status «CR» tragen. Es sind dies: 191 Tierarten, 192 Pflanzenarten und 123 Flechten- und Pilzarten. Die Kategorie CR (Critically Endangered) bezeichnet den allerkritischsten Zustand der Bedrohung und bedeutet: Ein Überleben dieser Arten ist unwahrscheinlich, wenn die gefährdenden Faktoren weiter bestehen. – Weltweit sind Tausende von Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht. Auch in der Schweiz stehen über 3000 Tiere und Pflanzen auf den sogenannten Roten Listen der bedrohten Arten. Ohne geeignete Schutzmassnahmen werden viele dieser Arten vielleicht schon bald für immer verschwinden. Der Zustand der Biodiversität in der Schweiz ist unbefriedigend. Die Hälfte der Lebensräume und ein Drittel der Arten sind bedroht. Mit dem Rückgang der Artenvielfalt ist auch genetische Vielfalt verloren gegangen. Die Verluste halten auf allen drei Ebenen der Biodiversität an. – Die Schweiz beherbergt eine grosse biologische Vielfalt. Dies ist zurückzuführen auf die vielfältige Topographie, die grossen Höhenunterschiede mit ihren klimatischen Gegensätzen, die extensive Nutzung des Kulturlands bis Mitte des letzten Jahrhunderts, die Lage im Herzen Europas. – Die biologische Vielfalt in der Schweiz hat seit 1900 deutlich abgenommen. Die Wissenschaft, die Verwaltung sowie die OECD und die Europäische Umweltagentur EUA weisen bei Zielerreichungskontrollen darauf hin, dass die bisherigen Instrumente und Massnahmen zwar teilweise erfolgreich, aber längst nicht ausreichend sind. Der Verlust an Lebensräumen und Artenvielfalt sowie die Verschlechterung der Lebensraumqualität konnte nicht gestoppt werden. – Dem Verlust an biologischer Vielfalt liege die übermässige Nachfrage nach natürlichen Ressourcen, sowohl insgesamt als auch pro Kopf, zugrunde, kommentierte Markus Fischer von der Universität Bern, der am Bericht beteiligt war. Dies führe zu einer Übernutzung lokaler Ökosysteme und gleichzeitig zu immer umfangreicherem weltweitem Handel mit natürlichen Ressourcen, der allerdings derzeit weder nachhaltig sei noch die Vorteile gerecht verteile. «Die Gesundheit der Ökosysteme, auf die wir und alle anderen Spezies angewiesen sind, verschlechtert sich schneller denn je», wird Robert Watson, Vorsitzender des Weltbiodiversitätsrats, zitiert. «Wir unterhöhlen das Fundament unserer Volkswirtschaften, Existenzgrundlagen, Ernährungssicherheit, Gesundheit und Lebensqualität weltweit.» Der negative Trend bei Artenvielfalt und Ökosystemen untergrabe zudem den Fortschritt bei 35 von 44 der nachhaltigen Entwicklungsziele der UNO, etwa in den Bereichen Armuts- und Hungerbekämpfung, Gesundheit und Wasserversorgung. – Der Bericht macht aber auch Hoffnung: Das Ruder liesse sich herumreissen, wenn ein Richtungswechsel auf allen Ebenen stattfinde, hin zu einer nachhaltigen Nutzung der Natur. Klar sei, dass ein «Weitermachen wie bisher» keine Option sei, sagte Fischer. Einer der Schlüssel, um die Ausbeutung aufzuhalten, wäre eine Weiterentwicklung der Wirtschaft und der Finanzsysteme über das limitierte Dogma ständigen Wachstums hinaus zu einer globalen, nachhaltigen Weltwirtschaft.

Am Wochenende des internationalen Tags der Biodiversität vom 23. bis 26. Mai 2019 findet das Festival der Natur statt. Das Festival der Natur bietet rund 750 kostenlose Veranstaltungen zu Natur, Artenvielfalt, Landwirtschaft oder Ökologie: Wanderungen, Exkursionen, Ausstellungen, Informationsstände und andere interessante Beiträge, organisiert von Organisationen und Fachpersonen, die sich mit der Natur, Tieren, Pflanzen, aber auch Tourismus und Landschaftsschutz beschäftigen. Das Festival soll die Bedeutung der biologischen Vielfalt bewusst machen und zum aktiven Handeln anregen. Gut 300 Organisationen sind mit eigenen Veranstaltungen engagiert und auf der Festival-Website www.festivaldernatur. ch aufgelistet. Auf einer Exkursion des Schweizer Alpen-Clubs SAC beispielsweisekönnensich Naturliebhaber über die Folgen des Klimawandels im Alpenraum informieren, während sich Interessierte in Genf in der Nacht mit Pro Natura auf die Spuren von Amphibien machen. Im Tessin informiert BirdLife Schweiz über Massnahmen zum Schutz des Mauerseglers. In Zürich gehen Kinder auf Entdeckungsreise entlang städtischer Gewässer und in Basel werden vom WWF Naturspaziergänge durch die «Lebensräume im Siedlungsraum» organisiert. Ob Pflanzenwelt oder Stadtwildtiere, ob Natur oder Kultur, nachtaktive Tiere oder Biodiversität in Landwirtschaftsgebieten – das Festival der Natur bietet während vier Tagen und Nächten vielfältigste Naturerlebnisse für Jung und Alt und für unterschiedlichste Interessen. – Unterstützt wird das Festival der Natur vom Bundesamt für Umwelt BAFU und von den Kantonen. Mitgetragen wird die Veranstaltung von BirdLife Schweiz, Pro Natura und WWF sowie von Schweiz Tourismus, dem Schweizer Tourismus-Verband STV, den Schweizer Wanderwegen und vom Schweizer Alpen-Club SAC. Hauptsponsoren sind Migros und IP SUISSE. Zusätzlich gefördert wird das Festival von einem Patronat mit Persönlichkeiten aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft und öffentlichem Leben.

Mit dem Rückgang der Artenvielfalt geht auch genetische Vielfalt verloren. Zerstörung, Übernutzung und Verschmutzung natürlicher Lebensräume sind die massgeblichen Ursachen des Rückgangs. Aber auch die Klimaveränderung und die Verdrängung einheimischer Arten durch invasive Arten setzen den einheimischen Tieren und Pflanzen zu. Das Festival der Natur findet dieses Jahr zum vierten Mal gesamtschweizerisch statt. Im vergangenen Jahr hatten mehrere zehntausend Naturbegeisterte am Wochenende des internationalen Tags der Biodiversität das Festival der Natur gefeiert und mehrere hundert Veranstaltungen zu Natur, Artenvielfalt und Ökologie besucht. Der Weltbiodiversitätsrat wurde 2012 auf UNO-Ebene gegründet. Wie der Weltklimarat fungiert er als wissenschaftliches Beratergremium für die Politik und erstellt Berichte. Derzeit gibt es 132 Mitgliedsländer. Ja, und auch jeder Einzelne kann mit verschiedenen, auch noch so kleinen Massnahmen etwas für die Natur tun. www.festivaldernatur. ch

Pessimistische Schweizer
Weniger als ein Drittel (31 Prozent) der Schweizer glaubt, dass noch genügend Zeit bleibt, um «den Planeten zu retten ». Das hat eine vergangene Woche veröffentlichte Umfrage der Westschweizer Zeitung «Le Temps» ergeben. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung (53 Prozent) befürchtet, dass es wahrscheinlich schon zu spät ist. 8 Prozent sind der Ansicht, dass es sicher zu spät ist. Viel optimistischer beurteilen die Meinungsführer der Gesellschaft die Situation. 55 Prozent von ihnen sind der Meinung, dass noch genügend Zeit bleibt, um die Erde zu retten. Eine grosse Mehrheit der Bevölkerung (73 Prozent) und der Opinion-Leader (69 Prozent) ist der Meinung, dass die Schweizer Politiker nicht genug für das Klima tun.
Ich wünsche Ihnen eine gute und erfolgreiche Woche und viel Freude an der Natur, notabene direkt vor der Haustüre.

BRUNO MUNTWYLER, CHEFREDAKTOR/SDA