Woche 12 / 2019

Start: 20.3., 22.58 Uhr


Während in den Bergen nach wie vor beste Schneeverhältnisse zum Skifahren, Snowboarden, Langlaufen oder zu anderen Schneesportarten einladen, dürfen wir uns auf die Stabübergabe des Winters (war im Flachland ja kein «schlimmer») an den Frühling freuen. – Auf der Nordhalbkugel der Erde, also unter anderem in der Schweiz und im restlichen Europa, beginnt der Frühling just am nächsten Mittwoch, 20. März 2019 um 22.58 Uhr mitteleuropäischer Zeit (MEZ). – In der Meteorologie wird derweil eine andere Definition verwendet: Hier beginnen die Jahreszeiten immer am ersten Tag des Monats, in den der kalendarische Termin fällt. Der Frühling beginnt danach bereits am 1. März. Meteorologen verwenden diese Definition, um vier Jahreszeiten von konstanter Länge zu erzeugen und so die statistische Vergleichbarkeit von Wetteraufzeichnungen und Klimadaten über längere Zeiträume zu gewährleisten. Lust, nicht nur einen ersten und zweiten, sondern auch gleich noch einen dritten Frühlingsanfang zu erleben? Dann haben Sie die Wahl: Denn am 1. März fängt jeweils das Frühjahr für die Meteorologen an, heuer am 20. März um 22.58 Uhr für die Astronomen (und den Kalender), und der phänologische Frühling beginnt dann, wenn die Natur bereit dafür ist.


Bei uns ist das der Fall, wenn die ersten Schnee- und Maiglöckchen blühen. Am frühesten ist der Frühling im Südwesten Portugals anzutreffen, während er Finnland erst ca. Ende Mai erreicht. Für die Strecke von rund 3600 Kilometern benötigt er etwa 90 Tage, was bedeutet, dass er sich mit einer Geschwindigkeit von rund 40 Kilometern pro Tag durch Europa bewegt.

Mit der steigenden Lichtintensität im Frühling werden insbesondere bei Naturvölkern vermehrt Serotonin und Dopamin ausgeschüttet (in zivilisierten Kulturen ändert sich durch Kunstlicht die aufgenommene Lichtintensität nicht). Diese sorgen für ein allgemein besseres Befinden und bewirken eine leichte Euphorie. – Auch der Wunsch nach einem Partner ist bei den meisten Menschen im Frühling stärker, verursacht unter anderem durch vermehrte Hormonausschüttung. Dies ist wissenschaftlich allerdings nicht bewiesen. Vermutlich spielen auch optische Reize durch leichtere Kleidung eine Rolle. – Im Gegensatz zu diesen sogenannten Frühlingsgefühlen stellt sich bei manchen Menschen die Frühjahrsmüdigkeit ein. Diese wird vor allem dem immer noch stark im Blut vorhandenen Schlafhormon Melatonin zugeschrieben, jedoch ist die genaue Ursache noch ungeklärt. Naturliebhaber und Wanderer zieht es vermehrt ins Freie, und viele sammeln Frühlingskräuter wie beispielsweise Bärlauch zur Auffrischung der spätwinterlichen Küche.

Dem Winter 2018/19, der bei uns weder Ecken noch Kanten hatte, trauert wirklich niemand nach, wenigstens was uns Unterländer betrifft. Beim Posten «Winterdienst» wird wohl ein fetter Überschuss in den Gemeindeschatullen der «Säckelmeister» verbleiben. – Auch die grössten Kälte- und Schnee- Freaks, und ich nehme an selbst die Eskimos, haben den Winter irgendeinmal satt. Wir können es kaum erwarten, bis das Grün aus den kahlen Ästen der Gehölze hervorbricht. Wo sich der Schnee gegen die von Tag zu Tag intensiver scheinende Sonne nicht mehr halten konnte, waren bald die ersten Frühlingsboten zu bewundern. Die Schneeglöcklein, Krokusse und der begehrte und gesunde Waldknoblauch (Bärlauch) sind so etwas wie die Vorhut eines beginnenden, gewaltig pulsierenden Prozesses, mit dem uns die faszinierende Natur jedes Jahr von Neuem überrascht. Totgeglaubtes, Abgestorbenes und Vermisstes erwacht und beginnt wieder gesund und stark zu werden. Alles, was kreucht und fleucht, wird vom Fortpflanzungstrieb angetrieben; eine neue Generation kompensiert die möglicherweise erlittenen Verluste der Wintermonate. – In wenigen Tagen wird uns der Duft, das Doping des Frühlings, zu ganz anderen, vitaleren und fröhlicheren Menschen machen. Kaum steigen nämlich die Temperaturen, pellen wir uns aus unserer vielschichtigen Verschalung, befreien uns von den dicken, wärmenden Stoffen und zeigen wieder mehr Haut. Prompt sind wir auch wieder empfänglicher für bestimmte Reize als sonst. Schuld daran sind ganz einfach unsere Hormone.

Nun schleckt es aber keine Geiss weg, dass sich auf den Frühlingsbeginn hin mehr Menschen als zu anderen Jahreszeiten schlapp, reizbar und niedergeschlagen fühlen. Eine Kollegin, die Apothekerin ist, zögerte auf Anfrage nicht zu bestätigen, dass gegen das Ende des Winters jeweils viel mehr Menschen als sonst unter solchen Symptomen leiden und um Rat fragen. Wie viele genau davon befallen sind, ist nicht bekannt. Laut einer deutschen Studie fühlen sich 54 Prozent der Gesamtbevölkerung und 67 Prozent der Beamten als Opfer dessen, was im Volksmund «Frühlingsmüdigkeit » genannt wird. Anzunehmen ist, dass eine Umfrage in der Schweiz ein ähnliches Bild ergeben würde. Als Nachteil für die Statistiker erweist sich allerdings die Tatsache, dass «Wintermüdigkeit », wie die «Frühlingsmüdigkeit » eigentlich genannt werden müsste, nicht genau diagnostizierbar ist. Was unter diesem Namen bekannt ist, hat verschiedene Ursachen und zeigt sich auf unterschiedliche Weise. Weitgehend einig sind sich dieMediziner, dass wahrscheinlich drei Gründe eine wichtige Rolle spielen bei den saisonbedingten Erschöpfungszuständen: der Mangel an Bewegung und Licht während der Wintermonate und unter Umständen eine Unterversorgung mit Vitaminen. Und da wäre einmal die Bewegung: Wen es im Winter auf Schneepisten und Eisbahnen zieht, wird von der «Frühlingsmüdigkeit » wahrscheinlich weniger betroffen sein als diejenigen, die sich Skirennen und Eishockeymatchs lieber am Fernsehen ansehen. Wenn einem aber bloss feuchtkalter Nebel entgegenströmt, kaum dass die Haustür geöffnet wird, scheint es nur logisch, dass die meisten Menschen keine Lust verspüren, sich länger draussen aufzuhalten als unbedingt nötig. Zur fehlenden Bewegung kommt etwas anderes hinzu: Geht jemand morgens zur Arbeit, ist es noch dunkel, kommt er oder sie abends nach Hause, ist es auch schon dunkel. In der Zeit dazwischen arbeiten die Menschen beim Licht von Neonröhren oder Ständerlampen, die die Sonne bei weitem nicht ersetzen. Vom Sonnenlicht ist der Mensch abhängig.

Geniessen Sie, geschätzte Leserinnen und Leser, die kommenden, hoffentlich tollen und Kräfte spendenden und frei machenden Frühlingstage. Ein Gang an die frische Luft kann wirksam sein gegen das Gähnen. Bis in einer Woche wieder.

BRUNO MUNTWYLER, CHEFREDAKTOR