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«Nach dem Start ging es Schlag auf Schlag»

Am 3. August 2017 startete im Wiggertaler die Serie der «Mühlethaler Geschichten».  Fast fünf Jahre später kann die Leserschaft bereits die 50. Folge der beliebten Geschichten lesen. Ein Gespräch mit den beiden Autoren Christian und Ernst Roth über Lokalgeschichte und ihr «Mölitau».

Zofingen Die 50. Folge der Mühlethaler Geschichten erscheint in dieser Ausgabe

Wer weiss schon, dass im Mühlethal ein «Schuelhüsli» unter der Nüchternstrasse liegt? Oder dass es im Dorf, das seit 2002 ein Ortsteil der Stadt Zofingen ist, bis 2015 ein «Milchhüsli» gab? Oder dass das letzte Lebensmittelgeschäft, das «Lädeli auf der Linde» von Franziska Bachmann, Ende Oktober 1981 endgültig geschlossen wurde. Es sind solche oder ähnliche Erinnerungen an früher, die Christian Roth und seinen Onkel Ernst Roth gleichermassen faszinieren. Es sind auch solche Erinnerungen über ihren Heimatort Mühlethal, in dem sie beide aufgewachsen sind, die die beiden schriftlich festhalten. Und seit bald fünf Jahren  regelmässig im «Wiggertaler» veröffentlichen. Mit der neusten Folge dürfen Christian und Ernst Roth ein kleines Jubiläum feiern. In der heutigen Ausgabe erscheint nämlich die 50. Folge der beliebten «Mühlethaler Geschichten». «Ich hätte am Anfang nicht gedacht, dass es so viele werden», sagt Christian Roth.

Faszinierender Lokaljournalismus

2003/04 hat der 48-jährige Christian Roth das journalistische Handwerk in der Ringier-Journalistenschule erlernt. Im Rahmen dieser Ausbildung hat er ein Praktikum beim Zofinger Tagblatt absolviert. «Dort habe ich bei Kurt Blum (KBZ) die hohe Schule des Lokaljournalismus erlernt – dazu gehörte ab und zu auch das Znüni im «Café Bel Ami», bei dem man jeweils das Neuste aus der Thutstadt erfuhr», erinnert er sich. Nach Beendigung seines Praktikums war Roth weiterhin als freier Mitarbeiter für den «Tägu» tätig. Dabei erhielt er von KBZ die Anregung, doch Leute zu suchen, die noch alte Geschichten aus dem Mühlethal zu erzählen wüssten. «So bin ich auf Werner Roth (1926 – 2011) gestossen, den ehemaligen Posthalter und Gemeindeammann aus dem Dorf».

Aus den Erzählungen, die ihm der Posthalter damals anvertraute, entstanden die ersten paar Geschichten, unter anderem über die Telekommunikation und das Postwesen im Dorf. Werner Roth erzählte zum Beispiel, dass es zu seiner Schulzeit noch kein halbes Dutzend Telefone im Dorf gab – unvorstellbar in der heutigen Zeit. Wer selber telefonieren wollte, benutzte das Telefon in der öffentlichen Telefonkabine. Das Postauto fuhr erstmals in den 1970-er-Jahren ins Mühlethal, das Zofinger Tagblatt wurde damals mit der zweiten Zustellung am Nachmittag in die Briefkästen gelegt, weil es erst gegen 11 Uhr morgens fertig gedruckt war. Damit Werner Roth nicht nochmals die ganze Tour machen musste, konnte er dem Bauern Studer beim Milchhüsli einige Exemplare mitgeben, die dieser in den Höfen verteilte.

Eine Veröffentlichung liess lange auf sich warten

Zu einer Veröffentlichung der Texte kam es nicht. «Die Geschichten gingen im ZT irgendwie unter», erinnert sich Christian Roth. Später veränderte sich das Lebensumfeld des Journalisten. Umzug, Heirat, Kinder – und die Mühlethaler Geschichten gingen vorerst vergessen. Das Thema kam erst viel später wieder hoch, an der Beerdigung von Christian Vater Willi Roth im 2015. «Damals hat Ernst alte Fotos aus dem Mühlethal gezeigt», führt Christian Roth aus. In der Folge habe er sich zuerst ans Zofinger Tagblatt gewandt, dessen Redaktion aber kein Interesse an den Geschichten zeigte. Darauf kontaktierte der Journalist, der seit neun Jahren Lokalredaktor bei der Zurzibieter «Botschaft» ist, den Wiggertaler. Der Rest ist Geschichte. Seit August 2017 erscheint (fast) regelmässig eine Geschichte pro Monat im Wiggertaler. «Nach dem Start ging es Schlag auf Schlag», erinnert sich Christian Roth, «auch dank Leuten wie Christian Siegenthaler und Ueli Fretz, die viele Geschichten beigesteuert haben». Zudem begann Ernst dann, eigene Erinnerungen aufzuschreiben und weitere Leute wie seinen inzwischen verstorbenen Onkel Guido Roth zu befragen. «Ich musste eigentlich nur noch koordinieren und die Texte ein wenig zusammenfassen und redigieren», sagt Christian Roth, der ausserdem in Archiven noch auf zusätzliches Material gestossen ist. 

Mit Bildern die Entwicklung dokumentieren 

Wenn es darum geht, die Mühlethaler Geschichten zu bebildern, steht Ernst Roth gerne bereit. Als ehemaliger Präsident der Museumskommission Oftringen ist er mit der Wichtigkeit des Archivierens bestens vertraut. Nicht nur theoretisch. Denn der 72-jährige Roth hat sich in der Vergangenheit während zwei Jahren schon der Herkules-Aufgabe angenommen, das riesige Fotomaterial des Oftringer Ortsmuseums zu sichten, einzuordnen und in Diashows aufzubereiten. Nicht zuletzt dank ihm können nun im Ortsmuseum Diashows und Filme in einer Abspieldauer von rund 45 Stunden gezeigt werden. Und auch aus seinem Heimatort Mühlethal, in dem der langjährige Oftringer «Stromer» aufgewachsen ist, besitzt Roth in seinem Privatarchiv etliches Fotomaterial, das er immer zur Hand hat, wenn es gebraucht wird.   

Fortsetzung geplant

Gemeinsam möchten die beiden ihre Serie fortsetzen – solange es noch Stoff hat. Und es seine Arbeit als Journalist erlaube, betont Christian Roth. «Doch von Zeit zu Zeit gibt es immer wieder Abende, in denen mich die Geschichte von und die Geschichten aus dem Mühlethal so richtig packen», sagt er. Auch wenn die beiden Autoren schon lange aus dem Dorf, das heute ein Zofinger Ortsteil ist, weggezogen sind. Ernst 1974, Christian 1999. Und sich das Dorf stark verändert hat. «Das alte Mühlethal gibt es nicht mehr», sagt Ernst Roth mit Bedauern. Immerhin: Mit den Mühlethaler Geschichten lebt es von Zeit zu Zeit wieder auf. Und sollte ein Wunsch von Christian Roth nach einer Publikation der Mühlethaler Geschichten in Buchform einst in Erfüllung gehen, würde das alte Mühlethal zumindest in gedruckter Form ein wenig weiterleben.

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