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«Unsere Kühe mögen eigentlich viel ertragen»

Heiss – heisser – am heissesten. Mensch und Natur leiden unter der Hitze. Doch wie gehen Nutztiere mit der Hitze um – und was kann ein Landwirt tun, um den Tieren Hitzestress zu ersparen? Ein Augenschein auf dem Rothrister Lehenhof bei Bio-Bauer Hans Braun.  

Rothrist Leiden Nutztiere unter der lange anhaltenden Hitze?

Weidende Kühe auf saftig grünen Wiesen. Diese Schweizer Postkartenidylle ist auf den Wiesen des Rothrister Lehenhofs im Moment nicht zu haben. Die Kühe sind zwar da, die Auswirkungen des heissen Sommers zeigen sich hier am fehlenden Grün. «Das Gras wächst momentan kaum mehr – man sieht jetzt auch, wieso das Gebiet hier Hungerzelg heisst», sagt – mit etwas Galgenhumor – der Mann mit dem Strohhut auf dem Kopf, der mit seinem hellgrünen T-Shirt und den dunkelgrünen Hosen einen farblichen Kontrapunkt zum bräunlichen Grün der Wiesen setzt. Es ist Hans Braun, der Pächter des Lehenhofs. Die Kühe scheinen sich weder an den beiden Besuchern noch am eher kärglichen Futterangebot zu stören. Sie schauen kurz auf und widmen sich dann wieder in aller Ruhe dem Fressen. Auch die Hitze scheint sie kaum zu stören. «Sie können sich hier frei bewegen und bei Bedarf den Schatten von Hecken oder Bäumen aufsuchen, die wir auf der Wiese gepflanzt haben», sagt Hans Braun. Ebenso wichtig sei auch, den Tieren genügend Wasser zur Verfügung zu stellen. Rund hundert Liter Wasser würden seine Kühe täglich trinken – Wasser, das sie sich bei den verschiedenen, auf der Wiese verteilten Tränken zuführen können. 

Die Schweiz ächzt unter der Hitze. Meteonews vermeldete kürzlich den viertwärmsten Juli seit Messbeginn im Jahr 1864.  Der heisse Juli folgte auf den zweitwärmsten je gemessenen Juni und den zweitwärmsten Mai. Bei mehreren Messstationen wurden mehr als 300 Sonnenstunden registriert, was vielerorts rekordverdächtig ist. Auch am 3. August werden am Nachmittag Temperaturen von bis zu 34 Grad Celsius erwartet, am kommenden Tag soll das Thermometer sogar auf 36 Grad klettern. Zu heiss, um freiwillig draussen zu bleiben. Was für den Menschen gilt, gilt auch für die Kühe von Hans Braun. «Heute werden wir die Tiere nach dem Mittag in den Stall führen», sagt der Meisterlandwirt, morgen wahrscheinlich schon vor der Mittagszeit». Ein Stall, der ausser einem Lüfter, welcher Fliegen vor dem Eintritt in die Melkstand abhält, ohne technische Hilfsmittel wie Sprinkleranlage auskommt. «Der Bauernverband empfiehlt, Ställe möglichst hell zu bauen», führt Braun aus. Das habe er nicht gemacht, der Stall ist eher dunkel. «Wenn die Kühe reinkommen, legen sie sich automatisch an den dunkelsten Stellen des Stalls hin, wo es schön kühl ist».  

Milchwirtschaft mit Swiss Fleckvieh

Den Tieren auf dem Lehenhof geht es trotz der sengenden Hitze gut. «Unsere Kühe mögen eigentlich viel ertragen», stellt Hans Braun fest, es sei erstaunlich, dass sie sich teilweise sogar am Nachmittag aus dem Freilaufstall nach draussen bewegen würden. Der Bio-Bauer führt das unter anderem darauf zurück, dass er Kühe der Swiss Fleckvieh-Rasse hält. Die hellrot-weiss gescheckten Tiere gelten als robust und langlebig und eignen sich ideal für die Weidehaltung, wie sie Hans Braun praktiziert. «Im Vergleich zu unseren Kühen muss eine Hochleistungskuh ganz andere Leistungen erbringen», gibt Braun zu bedenken, der auch ein ganz versierter Zahlenmensch ist. Während eine Hochleistungskuh täglich 22 – 23 Kilogramm Trockensubstanz fresse, kämen seine Kühe mit 13 – 14 Kilogramm aus. Auch das Gewicht sei ganz unterschiedlich: Wiegt eine Swiss Fleckvieh Kuh zwischen 500 und 650 Kilogramm, bringe eine Hochleistungskuh 200 – 300 Kilogramm mehr auf die Waage, was den Organismus der Tiere entsprechend stärker belaste. Die Swiss Fleckvieh Kühe haben auch den Vorteil, dass sie wegen ihr rot-braun-weiss Farbe weniger schnell überhitzen. Natürlich sei die Milchleistung nicht dieselbe, muss Braun einräumen. Während die Lehenhof-Kühe Höchstleistungen bis zu 7000 Litern Milch im Jahr erbringen würden, produzieren die besten Hochleistungskühe 12´000 – 13´000 Liter Milch jährlich. 

Doch Braun ist überzeugt, dass sich «seine» Art der Milchwirtschaft besser rechnet, weil er kein Kraftfutter zukaufe und auch keinen Dünger verwende. Das hat eine Studie des Berufsbildungszentrum Hohenrain (LU) von 2016 bestätigt, in der zwei Herden verglichen wurden: Die eine wurde – abgesehen von einem täglich dreistündigen Weidegang – im Stall gehalten und mit Gras- und Maissilage sowie Kraftfutter ernährt; die andere blieb während der ganzen Vegetationsperiode auf der Weide und frass einzig Gras und Heu. Das Ergebnis war eindeutig: Die Stallkühe gaben im Schnitt jährlich 8900 kg Milch, die Weidekühe annähernd 6100 kg. Weil aber im Weidesystem kein Kraftfutter zugekauft werden musste und der Arbeitsanfall deutlich geringer war, war der Arbeitsverdienst hier um mehr als 50 % höher.

Vom Armenhaus zum modernen Bio-Betrieb

Braun, der den Lehenhof zusammen mit seiner Familie in dritter Generation führt, setzt wie schon sein Grossvater und sein Vater, hauptsächlich auf die Milchwirtschaft. Fünfzig Kühe lässt er momentan auf seinem Betrieb weiden, dazu kommen momentan 20 Kälber. Alle Kälber werden muttergebunden aufgezogen und verlassen den Betrieb erst im Alter von ca. 150 Tagen. Die weiblichen Tiere gehen anschliessend nach Eptingen in die Aufzucht und kehren mit zwei Jahren wieder auf den Lehenhof zurück. Die männlichen Tiere werden auf einem anderen Betrieb auf der Weide ausgemästet. Mit diesem System konnte die Gesundheit der Tiere deutlich gesteigert werden und der Antibiotikaverbrauch signifikant gesenkt werden. Auch die Pferdezucht mit Freibergern gehört schon lange zum Hof. Daneben betreibt der Meisterlandwirt auch Ackerbau. Auf sechs der 50 Hektaren grossen Betriebsfläche werden Weizen und Dinkel angebaut, auf rund 30 Aren Kartoffeln. Rund ein Viertel der gesamten Fläche sind Ökoflächen.  

Die Geschichte des Lehenhofs reicht zurück ins Jahr 1829. Nahe an der Aare, im Dorfteil Dietiwart, wurde in diesem Jahr der Spittel – das Armenhaus von Rothrist – gebaut. 1837 beherbergte es 75 Insassen. Es bestand aus einem grossen Wohnhaus, einem Kuhstall und einem Geräteschopf. Nach der grossen Auswanderung – 1855 verliessen über 300 Rothrister ihre Heimat Richtung Amerika – wurde der Betrieb des Armenhauses 1856 eingestellt. Als der Spittel 1925 abbrannte, beschloss die Ortsbürgergemeinde erst 1928 einen Neubau. Am 15. März 1929 unterschrieb Gustav Braun den Pachtvertrag, 1963 übernahmen Hans und Elisabeth Braun den Hof in zweiter Generation, Hans jun. und Sandra Braun folgten 1995 in dritter Generation.

Eine herausfordernde Pachtübernahme

Die Zeit der Pachtübernahme sei von vielen Herausforderungen geprägt gewesen, erinnert sich Hans Braun. Bereits Anfang der 1990-er-Jahre habe die Ortsbürgergemeinde Konzepte für den Weiterbetrieb des Hofs entworfen, der die Anforderungen von Gewässerschutz und Tierschutz nicht mehr erfüllte. Dazu kam eine Teilgüterregulierung infolge zweier Neubauprojekte – Kraftwerk Ruppoldingen und SBB-Neubaustrecke Bern – Mattstetten. Sämtliche Grundwasserschutzzonen wurde dem Lehenhof zugeteilt. «An diesem Entscheid haben wir damals überhaupt keine Freude gehabt», sagt Braun, weil der Betrieb dafür nicht richtig aufgestellt gewesen sei. Die Umstellung auf eine biologische Bewirtschaftung sei 1997 erfolgt und die richtige und logische Konsequenz gewesen, betont er. Dank zahlreichen ökologischen Massnahmen konnte auch die Artenvielfalt stark verbessert werden. Hecken wurden angepflanzt, Buntbrachen stehen gelassen und Wässermatten und Flachwasserzone im Hungerzelg gelten geradezu als Hotspot der Biodiversität. Diesen Weg geht Braun konsequent weiter. Ab diesem Jahr erfüllt der Lehenhof zusammen mit rund 30 weiteren Höfen aus der Schweiz die Anforderungen des Labels «Retour aux Sources», das von Discounter Aldi zusammen mit der Familie Braun in den letzten beiden Jahren initiiert wurde. «Ein Label, das weiter geht als die Knospe von Bio Suisse – eigentlich das Label, welches weltweit die höchsten Anforderungen stellt», sagt Hans Braun. 

Diese Geschichte soll auch in Zukunft weitergeschrieben werden. «So wie es aussieht, will der jüngste Sohn Felix einst den Hof übernehmen, während die älteste Tochter Claudia weiterhin den Hofladen betreuen will», sagt der 60-Jährige.

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