Behindertenbus fährt pro Jahr mehr als sechs Mal um die Welt
Zofingen Der Verein Behindertenbus Region Zofingen feiert sein 40-Jahr-Jubiläum
Seit 40 Jahren chauffiert der Verein Behindertenbus Region Zofingen (VBRZ) Menschen mit eingeschränkter Mobilität durch die Gegend. Dank ihm können die Fahrgäste zu Arztterminen, Veranstaltungen, Familienfesten und sogar in die Ferien. Der VBRZ ist für sie das Tor zur Welt. Er ermöglicht Wege, die mit dem Rollator oder dem Rollstuhl ansonsten unerreichbar wären.
Sagenhafte 30 Jahre ist Iris Schär Fahrerin in der gemeinnützigen Organisation. «Ich bin eine treue Seele. Ich hüpfe nicht ständig hin und her», sagt sie mit einer Leichtigkeit, als wären drei Jahrzehnte Ehrenamt das Selbstverständlichste der Welt. Die allermeisten der 26 Fahrer sind pensioniert und männlich. Iris Schär war 39 Jahre alt und damals die einzige Frau im Team, als sie anfing. «Vor 30 Jahren hatten wir noch keine Handys im Auto. Das machte die Planung viel schwieriger. Zudem gab es noch viel mehr Fahrgäste, die am Sonntag zur Kirche wollten. Dafür hatte es deutlich weniger Verkehr.» Angesprochen auf die derzeitige Baustellenflut in der Region und die damit drohenden Verspätungen, lässt sie sich nur ein gelassenes «Es ist halt, wie es ist» entlocken. Lamentieren ist nicht ihr Ding. Viel lieber packt sie an und hilft Menschen, damit deren Alltag leichter wird.
365 Tage im Jahr zu Diensten
Über 12’000 Fahrgäste nehmen pro Jahr in einem der fünf Autos Platz. 255’000 Kilometer spulen die Fahrzeuge so ab. Per annum fährt der VBRZ also mehr als sechs Mal um die Welt. Täglich von morgens um 6 Uhr bis abends um 24 Uhr, 365 Tage im Jahr, steht der Dienst allen Interessierten für einen kleinen Obolus zur Verfügung. Zur Stammkundschaft gehören unter anderen Schüler der Heilpädagogischen Schule Zofingen, Arbeitende des azb in Strengelbach, Altersheime in der Region, aber auch viele Privatpersonen.
Die Fahrerinnen und Fahrer sind an ihren blauen Polohemden und dem aufgedruckten VBRZ-Bus zu erkennen. Ein echter Kraftakt ist das Beladen des Autos, wenn der Rollstuhl samt Passagier über die Laderampe in das Fahrzeug gestossen wird. «Es gibt viele schöne Gespräche auf dem Weg. Wir haben aber auch sehr viele betagte Menschen, die nicht mehr sprechen können oder möchten. Dann erzwingen wir auch keine Konversation. Mit der Zeit entwickelt man ein Gespür dafür, wem eine Unterhaltung guttun würde und wem nicht.» Bei besonders hilfsbedürftigen Menschen, etwas jenen, die an Sauerstoff gebunden sind, fährt eine medizinische Fachperson der jeweiligen Institution mit. Nach der Ankunft am Zielort ist die Arbeit der ehrenamtlichen Fahrerinnen und Fahrer noch nicht getan. «Wir begleiten die Fahrgäste ins Gebäude, bis sie im richtigen Stock bei ihrem Termin sind», sagt Iris Schär.
Fast alle Gemeinden ziehen mit
Hans Martin Haldemann ist Fahrer-Obmann, der operative Leiter des VBRZ. Seit zehn Jahren engagiert sich der ehemalige Mitarbeiter des azb für den Fahrdienst. «So viele Fahrten pro Jahr wahrzunehmen und dabei auch flexibel auf unvorhergesehene Ereignisse zu reagieren, ist natürlich ein planerischer Kraftakt», erklärt er. Weil die Tarife für den Transport von Fahrgästen nicht kostendeckend sind, ist die Organisation zudem auf Spenden und Gönner angewiesen. Abgesehen von privaten Spendern unterstützen sämtliche Gemeinden im Bezirk Zofingen das Projekt. Einzig die Gemeinde Rothrist strich ihren Beitrag vor einigen Jahren aus dem Budget. Doch Geld ist beim VBRZ dringend nötig. Bei den oben erwähnten Kilometerleistungen braucht es jedes Jahr ein neues Fahrzeug, welches in rollstuhlgerechtem Aufbau bis zu 100’000 Franken kostet.
Neue Fahrerinnen und Fahrer gesucht
Freuen würden sich Hans Martin Haldemann und sein Team auch über neue Fahrerinnen und Fahrer, die pro Woche ein bis zwei Dienste leisten könnten: «Es ist eine sinnstiftende Arbeit, mit der wir einen wichtigen Dienst an der Gesellschaft leisten. In unserem Team herrscht ein super Teamgeist, den wir an unseren zweimonatlichen Fahrersitzungen, dem Grillfest und dem jährlichen Essen mit Anhang sorgsam pflegen.» Weil viele Einsätze unter der Woche stattfinden, ist das Ehrenamt besonders für Pensionierte interessant, auch wenn jüngere Fahrerinnen und Fahrer ebenso willkommen sind und den Einsatz unverbindlich ausprobieren können. Die allerletzte Fahrt machen die Freiwilligen spätestens im Alter von 75 Jahren.
Samariterin im Schrebergarten
Sechs Jahre bleiben Iris Schär also maximal noch. Ob sie die volle Länge ausreizt, weiss sie noch nicht. Nebst ihrem Ehrenamt beim VBRZ engagiert sie sich seit 34 Jahren im Samariterverein. An ihrem Wohnort in Zofingen ist sie als Hauswartin tätig und in der freien Zeit gerne im Schrebergarten am werken. «Für mich ist es wichtig, eine Beschäftigung zu haben. Es gibt nichts Schlimmeres, als nichts zu tun und stehenzubleiben», sagt Iris Schär. Den letzten Satz würden wohl auch viele der Fahrgäste unterschreiben, die dank der ehrenamtlichen Bemühungen des 26-köpfigen Fahrpersonals auch künftig in Bewegung bleiben. Manuel Arnold





