Boninger Beiz belebt bald die Bühne

Brittnau/Boningen Nicolas Russis Theaterstück «Durs und durstig» feiert Ende Mai Premiere

Das Wirtshaus St. Urs wurde im Jahre 1644 von Durs Kislig (Urs Kissling) erbaut.Bild: zvg

Das Wirtshaus St. Urs wurde im Jahre 1644 von Durs Kislig (Urs Kissling) erbaut.Bild: zvg

Das neunköpfige Theaterensemble (von links): Franz Schnider, Angie Kunz, Andrin Häuselmann, Edith Russi, Rolf Krebs, Karin Longobardi, Lorenz Killer, Alessia Schlatter, Willy Gloor. Bild: zvg

Das neunköpfige Theaterensemble (von links): Franz Schnider, Angie Kunz, Andrin Häuselmann, Edith Russi, Rolf Krebs, Karin Longobardi, Lorenz Killer, Alessia Schlatter, Willy Gloor. Bild: zvg

Nicolas Russi präsentiert eine Requisite des Stücks: eine Kopie einer der Glasmalereien aus der Entstehungszeit des Wirtshauses.Bild: Manuel Arnold

Nicolas Russi präsentiert eine Requisite des Stücks: eine Kopie einer der Glasmalereien aus der Entstehungszeit des Wirtshauses.Bild: Manuel Arnold

Im selben Jahr, in dem die Gemeinde Boningen ihr 800-jähriges Bestehen feiert, bringt Theaterautor und Regisseur Nicolas Russi ab dem 29. Mai die Entstehungsgeschichte des Wirtshauses St. Urs auf die Bühne. Ein Dreigangmenü und eine Drehleier runden das Theatererlebnis ab, welches das Publikum in die Zeit zwischen 1643 und 1650 führt.

Die Geschichte des Wirtshauses St. Urs in Boningen geht weit zurück – sehr weit sogar. Vor 383 Jahren erhielt Urs Kissling (genannt Durs Kislig) von der Solothurner Regierung die Erlaubnis, Holz für den Bau des Hauses zu schlagen. Fast vier Jahrhunderte später trugen Emsige wieder Holz ins Wirtshaus. Diesmal, um die ehemalige Bühne im Saal wieder zum Leben zu erwecken. Während zehn Vorstellungen können so ab Ende Mai die Anfangsjahre der traditionsreichen Beiz wieder aufleben.

Ein Theater im Wirtshaus, das hat Nicolas Russi in der Fennern bereits drei Mal umgesetzt. Als die Wirtefamilie Lardon 2024 ins St. Urs wechselte, zügelte auch die Idee des Theaters mit. Das denkmalgeschützte Wirtshaus St. Urs gehört der Bürgergemeinde. Bei deren Präsident Otto Jäggi, selbst ein ehemaliger Theaterspieler, stiess das Begehren auf offene Ohren. Und so finanzierte die Bürgergemeinde den Wiederaufbau der ehemaligen Bühne.

Autor und Regisseur Nicolas Russi entführt das Publikum in die Mitte des 17. Jahrhunderts. Boningen war damals ein kleines Bauerndorf, geführt und gegängelt vom Landvogt auf der Bechburg. Brücken waren rar, weshalb der Fährmann Menschen wie Geschichten über die Aare brachte – ein entsprechend angesehener Beruf. Im Zentrum des Dorflebens stand das Wirtshaus, Treffpunkt der Männer; Frauen waren lediglich als Arbeitskräfte geduldet. Alkohol floss in Strömen, das Mobiliar war schlicht, der Umgangston nicht selten rau. «Es ging öfter hoch zu und her. Ich habe versucht, das Grobe und Handfeste in das Stück einfliessen zu lassen», erklärt Nicolas Russi.

Von der Dorfchronik zur Dorfbeiz

Während seiner Arbeit für die Kriegstetter Dorfchronik stiess Nicolas Russi auf Dokumente zum Wirtshaus St. Urs. In der Folge wälzte er sich im Solothurner Staatsarchiv über Wochen durch Ratsprotokolle, Bechburg-Schreiben und Vogtrechnungen, um ein authentisches Bild Boningens zeichnen zu können. Zwei Drittel des Drehbuchs seien historisch fundiert, ein Drittel sei der Dramaturgie geschuldet frei erfunden, wie er sagt. Nach dem Theater zur 900-Jahr-Feier der Stadt Aarburg und jenem zur 125-Jahr-Feier des Sennhofs Vordemwald ist «Durs und Durstig» bereits das dritte historische Stück aus Russis Feder binnen vier Jahren.

Auf reichlich Erfahrung kann Nicolas Russi auch bei seinem Schauspielensemble zählen. Willy Gloor (Wirt Urs Kissling) spielte auf dem Sennhof die Hauptrolle und ist Präsident des Vereins Freilichttheater in Zofingen. Angie Kunz (Maria Lack, Frau des Fährmanns) ist Co-Präsidentin der Theatergruppe Schötz. Lorenz Killer (Fährmann Urs Lack) ist professioneller Theater- und Filmschauspieler. Andrin Häuselmann (Fährmann Christian Lack) hatte 2015 in Russis Waldtheater als Zehnjähriger sein Debüt. Karin Longobardi (fahrende Händlerin Johanna Werder) ist seit dem Sennhoftheater immer dabei. Rolf Krebs (Vogt Johann Schwaller) hatte einst auf der Moosegg im Emmental gespielt und steht nun seit 2022 im Wiggertal auf der Bühne. Franz Schnider (Peter Waldner, Schreiber des Vogts) war Teil des Chors im Rosengarten. Einzig Alessia Schlatter (Elisabeth Werder, Tochter der Händlerin) steht zum ersten Mal auf der Bühne.

Kostüme aus dem Bauernkrieg

Das neunköpfige Ensemble komplettiert Nicolas Russis Ehefrau Edith. Sie verkörpert als Catharina Kissling die Frau des Wirtes. Überdies ist sie für die Maske und die Kostüme zuständig. Letztere konnte sie bei der 84-jährigen Lützelflüherin Ruth Stalder günstig erwerben. Stalder hatte die historischen Kleider für das letztjährige Huttwiler Freilichttheater «Burechrieg» (1653) gefertigt. Doch nicht nur für die Augen, auch für die Ohren und den Gaumen gibt es zeitgenössische Kunst. Zwischen den Szenenwechseln, 18 sind es an der Zahl, spielen die Musiker Jonathan Frey und Daniel Som auf der Drehleier. Das kulinarische Highlight ist ein Dreigänger aus der St.-Urs-Küche, der von Rezepten und Zutaten des 17. Jahrhunderts inspiriert ist. Und so gibt es vor und zwischen den drei Akten eine kräftige Gerstensuppe, geschmortes Rindfleisch im dunklen Schwarzbiersud mit Wurzelgemüse und einen Ofenschlupfer mit Äpfeln, Rosinen und Brot.

Auf die Stille folgt Applaus

An seiner Arbeit als Autor und Regisseur schätzt Nicolas Russi die ganze Bandbreite des sozialen Spektrums: Die Einsamkeit, wenn er sich im Schwarzwald oder im Goms eine Woche abschottet, um am Drehbuch zu schreiben. Die Stille, wenn er im Keller seines Hauses in Brittnau mit Styropor und Holz an der Fähre bastelt, die bei «Durs und Durstig» über die imaginäre Aare schippern wird. Genauso reizt ihn aber auch die Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Charakteren, die er während zahlreicher Proben zu einer verschworenen Einheit formt. Und er geniesst den Applaus der Zuschauer, denen er im Kollektiv unterhaltsame Stunden bereiten will. «Ich sehe mich irgendwie auch als Maler. Auch wenn ich keinen Pinsel in der Hand halte, so schaffe ich doch Bilder – statt mit Farbe mit Menschen», sagt Russi.

70 Plätze gibt der Saal des Wirtshauses St. Urs pro Vorstellung her. Insgesamt können also 700 Personen Zeuge davon werden, wie die Beiz in ihrem Dorfkern vor 383 Jahren ihren turbulenten Anfang nahm.Manuel Arnold

Der Vorverkauf für das Wirtshaustheater «Durs und durstig» läuft bereits. Tickets für das Theater inklusive Dreigangmenü gibt es unter www.durs-und-durstig.ch.