Brittnauer Störche und ihr Vaterbeschäftigen sogar den Regierungsrat

Brittnau Regierungsrat äussert sich zur Causa «Brittnauer Störche»

Peter Hartmann wurde als Storchenvater abgesetzt.Bild: Archiv Thomas Fürst
Peter Hartmann wurde als Storchenvater abgesetzt.Bild: Archiv Thomas Fürst

Der Regierungsrat antwortet sehr ausführlich auf eine Interpellation zweier SVP-Grossräte betreffend Freiwilligenarbeit und Absetzung des Brittnauer «Storchenvaters» Peter Hartmann. Für die Interpellanten – und Hartmann – bleiben allerdings Fragen offen.

Die beiden SVP-Grossräte Barbara Borer-Mathys (Holziken) und Kurt Gerhard (Brittnau) haben als Reaktion auf das Vorgehen des Kantons im März eine Interpellation eingereicht. Nun liegt die Antwort des Regierungsrates vor. Man messe der Freiwilligenarbeit einen sehr hohen Stellenwert bei, heisst es. «Sie ergänzt bezahlte Arbeit, ist Ausdruck des Milizgedankens und einer aktiven Zivilgesellschaft.» Im Kanton Aargau sei die Freiwilligenarbeit mehrfach verankert. Der Kanton fördere sie über verschiedene Strategien und Programme wie Sozialplanung, Gesundheitspolitik, Alterspolitik und das Kulturkonzept. Jährlich unterstütze der Kanton benevol Aargau, die Fachstelle für Freiwilligenarbeit, mit 200’000 Franken, schreibt der Regierungsrat.

Potenzial für einen weiteren Abbau von Vorschriften zugunsten der Freiwilligenarbeit sehe man keines. «Der Kanton Aargau ist in Bezug auf Rechtsvorschriften als liberal bekannt und erlässt relativ wenig Vorschriften. Daraus ergibt sich in allen Bereichen ein maximaler Spielraum zum Einbezug von Ehrenamtlichen», heisst es in der Antwort.

Hartmann ist erstaunt

Bezugnehmend auf den konkreten Fall von Peter Hartmann in Brittnau, schreibt der Kanton, man habe Hartmann und seiner möglichen Nachfolgerin angeboten, das Monitoring der Weissstörche in Brittnau zu übernehmen. «Nach Kenntnisnahme der rechtlichen Rahmenbedingungen haben beide Personen die Übernahme des Monitorings abgelehnt.» Diese Aussage löst bei Peter Hartmann grosses Erstaunen aus, als ihn diese Zeitung telefonisch erreicht. «Ich habe keine Ahnung, was gemeint ist mit den rechtlichen Rahmenbedingungen. Man hat mir weder das Monitoring angeboten, noch erklärt, was die Voraussetzungen dafür wären.» Hartmann versichert, dass er während der 39 Jahre, in denen er sich um die Störche gekümmert hat, keine Ahnung gehabt habe, dass es für diese Tätigkeit gesetzliche Vorgaben gebe. Hartmann: «Ich hätte jederzeit die nötigen Kurse oder Ausbildungen absolviert, nur hat mich in all den Jahren nie jemand darauf hingewiesen, dass dies nötig ist.»

Auf die Frage, wer künftig in Brittnau die Storchenpflege übernehme, hat der Regierungsrat eine klare Antwort: «Für alle einheimischen Vögel, auch für die geschützten Arten, ist im Kanton Aargau grundsätzlich die örtliche Jagdaufsicht zuständig.» Diese entscheide, wenn nötig nach Rücksprache mit der kantonalen Fachstelle des Departements Bau, Verkehr und Umwelt, was mit verletzten Störchen geschehe und sei auch für allfällige Tötungen von schwer verletzten Störchen zuständig. Weiter schreibt der Regierungsrat, die Arbeit der Jagdaufseherinnen und Jagdaufseher erfolge im Milizsystem durch die lokalen Jagdvereine. «Sie sind gemäss den rechtlichen Vorgaben für diese Aufgabe ausgebildet und besuchen jährliche Weiterbildungen.» Die Arbeit der Jagdaufseherinnen und Jagdaufseher verursache den Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern keine Kosten.

Sollten Störche Pflege benötigen, so der Regierungsrat, bestünden in Oftringen und in Möhlin bewilligte Vogelpflegestationen mit ausgebildetem Personal, die diese Arbeit im Rahmen des Milizsystems ausführen würden.

Antwort hätte konkreter sein können

Interpellant Kurt Gerhard aus Brittnau erklärt auf Anfrage, Barbara Borer-Mathys und er seien nur teilweise zufrieden mit der Antwort. «Man hat wahnsinnig ausführlich jede Facette der Freiwilligenarbeit ausgeleuchtet. Mir wäre es lieber gewesen, man hätte spezifischer Stellung zum konkreten Fall genommen, also zur Freiwilligenarbeit mit Wildvögeln.»

In der Interpellation werde auch die Frage gestellt, wie der Kanton einer möglichen Überpopulation an Störchen auf dem Gemeindegebiet Brittnau begegnen werde, sagt der SVP-Politiker. Die Antwort des Kantons, in Brittnau bestehe grundsätzlich keine Überpopulation an Störchen und sollte dereinst eine Regulation in Betracht gezogen werden, bedürfe diese einer Bewilligung auf Bundesebene, befriedige ihn gar nicht. Offensichtlich seien die Verantwortlichen des Kantons nicht im Bilde über die tatsächliche Lage in Brittnau. «Die Situation im Bereich der Schule ist langsam grenzwertig», findet Gerhard, «es befinden sich da dermassen viele Nester, dass der Parkierbetrieb beeinträchtigt und die Sicherheit gefährdet ist.» Allein im letzten Jahr habe die Gemeinde 6000 Franken für Schutzmassnahmen aufgewendet.

Wenn das Geschäft nach den Sommerferien im Grossen Rat traktandiert wird, planen Gerhard und Borer-Mathys eine Gegendarstellung, in die auch die Reaktion von Peter Hartmann einfliessen dürfte. Allenfalls, so Gerhard, werde ein Postulat nachgeschoben.

Störche als Lebensaufgabe

Peter Hartmann seinerseits möchte die unerfreuliche Angelegenheit langsam hinter sich lassen. Das heisst aber keineswegs, dass ihm «seine» Störche nun egal sind: «Die Störche sind so etwas wie eine Lebensaufgabe für mich und werden es auch bleiben, damit kann man nicht einfach so aufhören», sagt der mittlerweile 78-Jährige, der momentan nach einer Operation etwas in seiner Mobilität eingeschränkt ist. Natürlich habe er die Vögel während der Brutzeit beobachtet, sagt Hartmann, und er werde sie auch in Zukunft beobachten. Brittnau darf also weiterhin auf seinen «Storchenvater» zählen, auch wenn er nun offiziell «ausser Dienst» am Beobachten istOliver Schweizer