Der «Hohe Marchstein»
Zofingen Die 81. Folge der beliebten Mühlethaler Geschichten
Der «Hohe Marchstein»
Unweit des früheren Mühlethaler Gemeindebanns steht ein regional wichtiger Grenzstein, der vor über 50 Jahren zerstört und dann mit falscher Zahl wieder neu gehauen worden ist.
Der Beitrag von Kurt Blum im 1971 erschienenen Band 29 der «Heimatkunde Wiggertal» liest sich fast ein bisschen wie eine «Ode an einen Grenzstein»: «Wenn man in den Waldungen rings um die Stadt Zofingen herum praktisch auch keinen einzigen Punkt mit Namen kennt, einen weiss man doch ganz bestimmt: den ‘Hohen Marchstein’.» Laut Blum sei es nicht nur «der Ort, wohin man auf die erste Schulreise ging und geht, es ist das Gebiet, wohin die traditionellen Sonntagsspaziergänge führten und führen.» Es sei auch «die Stelle, wo man sich die erste Liebe gestand und gesteht.»
Auch viele Mühlethaler dürften den Stein kennen, der sich nur etwa einen Kilometer südlich des früheren Gemeindegebiets befindet.
«Aus Unachtsamkeit zerschmettert»
Man sei «nicht wenig empört» gewesen, als im Frühjahr 1968 der historische Grenzstein «plötzlich in viele Stücke zerschlagen am Boden lag», schreibt Blum, der dieses Ungeschick auch fotografisch dokumentiert hat. Die Forstverwaltung der Stadt Zofingen mit Stadtoberförster Peter Schwarz an der Spitze habe sich dann der Sache angenommen. Verschiedene Recherchen, auch über die Kantonspolizei, hätten ergeben, «dass ein auswärtiger Holzhändler diesen Stein aus Unachtsamkeit zerschmettert hatte.» Die verantwortlichen Behörden der Ortsbürgergemeinde Zofingen seien sofort bereit gewesen, einen neuen «Hohen Marchstein» erstellen zu lassen, nachdem die Restaurierung nicht mehr möglich gewesen sei. Mit der Neuausfertigung wurde der Zofinger Bildhauer Edy Scheidegger beauftragt.
Da der uralte, aus Sandstein gehauene Marchstein stark verwittert war, sei es schwierig gewesen, zu bestimmen, welche Motive überhaupt abgebildet waren. Verschiedene Abklärungen hätten dann folgende Lösung ergeben: «Auf die Zofinger Seite gehört der Berner Bär und auf die Bottenwiler Seite das Wappen des einstigen Amtes Lenzburg; beide Seiten sollen zudem die Jahreszahl 1627 tragen. Anhand eines alten Waldplanes von der Waldvermessung der Jahre 1616 bis 1630, der in der Historischen Abteilung des Museums Zofingen hängt, konnte die Jahreszahl 1627 eindeutig festgestellt werden.» Am Freitag, 6. November 1970, wurde der neue «Hohe Marchstein» dann gesetzt und eingeweiht. Dabei waren unter anderem der Zofinger Vizestadtammann Walter Frösch, der Bottenwiler Gemeindeammann Max Schulthess und Gemeindeförster Max Bachmann. Im Anschluss an die kurze Feier — «bei der es vor allem darum ging, festzustellen, ob der neue Stein nicht etwa zu weit nach Bottenwil oder nach Zofingen versetzt worden war» — habe man sich in der Bottenwiler Waldhütte getroffen, wo «ein bescheidener Imbiss sowie ein von der Gemeinde Bottenwil offerierter ‘Kaffee mit’ die Feier abrundeten.»
Kurt Blum, damals 22 Jahre alt, war nicht nur als Berichterstatter dabei. Als junger Lokalhistoriker durfte er - laut seinem eigenen Bericht - über die Geschichte des Marchsteines orientieren. Und er rühmte, der neue Grenzstein sei «in jeder Beziehung eine Meisterleistung». Weniger begeistert zeigte sich dann ein paar Jahre später der pensionierte Bezirkslehrer Eugen Durnwalder (1895-1986), der auch Konservator des Museums Zofingen war. In seinem Beitrag im Zofinger Neujahrsblatt 1977 über die Grenzen und Marchsteine der Stadt stellt er fest, dass «die Wappen- und Jahrzahlsetzung nicht dem alten Stein entspricht.» Laut seiner Recherche, die sich auf verschiedene Urkunden stützt, müsse die Jahreszahl korrekt 1697 lauten. Auch die Wappen waren falsch angebracht.
Fehler nach 55 Jahren korrigiert
Wie kürzlich schon das Zofinger Tagblatt berichtet hat, ist dieser Fehler inzwischen behoben worden: Nachdem 55 Jahre lang die falsche Zahl auf dem Stein prangte, wurde der Grenzstein nun erneuert und die korrekte Jahrzahl 1697 eingehauen. Dies in Zusammenarbeit der Standortgemeinden Zofingen und Bottenwil., der kantonalen Denkmalpflege und dank eines privaten Gönners, der anonym bleiben möchte.
Wie die aktuellen Fotos vom Januar zeigen, sind nun auch die Wappen historisch korrekt: das Berner Wappen wurde auf der Zofinger Seite durch das Zofinger Wappen ersetzt. Auf der Bottenwiler Seite ist der Berner Bär oben und das Lenzburger Wappen unten zu sehen; so wie der inzwischen längst verstorbene Eugen Durnwalder es vorgeschlagen hatte.
Christian Roth



