Der «Kastanienbaum» ist tot, viva la «Pizzeria Castania»!
Strengelbach Sabine Enzle und Arno Weber haben es faustdick hinter den Ohren
Das Restaurant Kastanienbaum in Strengelbach feierte am 15. Januar Neueröffnung als «Pizzeria Castania». Die Leserschaft reagierte verwirrt auf die Ankündigung.
Neuigkeiten aus der lokalen Gastronomie gehören vermutlich zu jenen News, die sich am schnellsten verbreiten und rasch ihren Weg in die ZT-Redaktion finden. «Was, der Kastanienbaum schliesst?» und «Jetzt wird der <Kastanienbaum> auch zur Pizzeria, das gibt’s ja nicht!»: Die Leserschaft hatte bereits vor zwei Wochen Alarm geschlagen. Und als dann auch noch ein Inserat im «Wiggertaler» erschien, in dem schwarz auf weiss, beziehungsweise schwarz auf grün-weiss-rot stand, der «Kastanienbaum» werde am 15. Januar zur «Pizzeria Castania», da schien der Fall klar: Ein Traditionslokal mehr, das verschwindet und einer Pizzeria weichen muss.
Nun, wer die Gastgeber im «Kastanienbaum» kennt, weiss, dass nicht alles im «Boum» zwingend so sein muss, wie es auf den ersten Blick scheint. Sabine Enzle und Arno Weber haben es nämlich faustdick hinter den Ohren, wenn es darum geht, ihre Gäste mit Humor hinters Licht zu führen. Man kann sogar behaupten, die Lust des Wirte-Paares am Schabernack habe Tradition im «Kastanienbaum».
«Kastanienbaum» stand kurz vor dem Abriss
Als die Postfiliale in Strengelbach vor Jahren schloss, verwandelte sich der «Kastanienbaum» während der Weihnachtsferien in eine Postfiliale. Die Theke wurde zum Postschalter, die Speisekarte sah plötzlich aus wie ein gelbes Postbüchlein und im Gastraum stapelten sich Postsäcke und Päckli. Bereits drei Mal übernahm das Militär über Neujahr klammheimlich das Lokal, das darauf hinter Tarnnetzen und Blachen verschwand. Vor drei Jahren trieb man das Spiel noch etwas weiter: Nach Neujahr war der «Kastanienbaum» eine grosse, abgesperrte Baustelle und alles deutete auf einen baldigen Abriss hin. Vor dem Haus stand bereits eine Tafel, auf der man die Eigentumswohnungen, die bald entstehen sollten, betrachten konnte.
Sabine Enzle muss heute noch lachen, wenn sie daran denkt. «Die Aktionen denkt sich mein Mann Arno aus, und der hat immer verrückte Ideen!» Verrückt und aufwändig, muss man sagen, speziell in diesem Jahr. «Die Pizzeria-Geschichte planten wir schon länger, da musste vieles organisiert werden.» Eigentlich sei die Pizzeria-Aktion die Fortsetzung der Baustelle vor drei Jahren, erklärt Enzle: «Wenn ein Gasthaus auf dem Land schliesst, gibt es ja zwei Möglichkeiten: Man reisst es ab und baut Wohnungen – oder es wird eben zur Pizzeria.»
In die Karten spielte den Gastgebern, dass es bereits vor der Aktion Gerüchte gegeben hatte, der «Kastanienbaum» würde schliessen, wie Enzle weiss: «Ein Grund dafür war, dass in unserer Agenda zu lesen war, das Restaurant sei am 31. Dezember 2025 den letzten Tag offen. Dahinter stand zwar in Klammern <in diesem Jahr>, aber das hat wohl niemand gelesen.»
Ein Funken Wahrheit steckt drin
Und zur Pizzeria ist der «Kastanienbaum» tatsächlich geworden, aussen wie innen. Statt der üblichen Appenzellerbier-Leuchtreklame hängt nun eine von Feldschlösschen über der Tür, unter der «Pizzeria Castania» steht. Der Gastraum wurde mit rustikalen Holztischen ausgestattet, an Decke und Wänden hängt alles, was zum Klischee einer Pizzeria gehört, von Boccalinos über Weintrauben bis zu einer Ahnengalerie der «Familia». «Die Bilder habe ich auf dem Estrich gefunden», sagt Arno Weber lachend, «die passen doch wunderbar.»
Die Speisekarte im «Casa Castania» verbirgt sich in einer Pizzaschachtel und offenbart, dass die ganze Verwandlung doch nicht nur ein Scherz ist. Man kann nun tatsächlich Pizza essen im «Kastanienbaum», wie Koch Arno Weber bestätigt: «Abends gibt es nun Pizza, auch den Teig mache ich selber.» Rund 50 Pizzen hat Weber in den ersten Tagen als Pizzaiolo bereits gebacken. «Langsam werden sie sogar richtig rund», sagt er und bestätigt, dass ihm die neue Herausforderung Spass macht. Natürlich können die Gäste auch weiterhin die gutbürgerliche Küche geniessen, für die das Restaurant bekannt ist.
Für Enzle und Weber hat die witzige Aktion auch einen geschäftlichen Hintergrund: «Der Januar ist ein trüber, kalter und langweiliger Monat, auch in der Gastronomie. Dank unserer Aktionen existiert so etwas wie ein Januarloch bei uns zum Glück nicht.»
Der «Kastanienbaum» bleibt auf jeden Fall bis nach der Fasnacht eine Pizzeria, eventuell auch bis in den Frühling, so genau wissen das die «Kastanienbaum»-Wirte im Moment noch nicht.Oliver Schweizer



