Der sichere Hafen für Mütter schliesst seine Pforten

Oftringen Dem Mutter-Kind-Wohnen fehlt eine Nachfolgelösung

MuKiWo-Leiterin Andrea Müller, Seidenhuhn Pedro und Mitarbeiterin Sabine Schmid (von links).Bild: Manuel Arnold

MuKiWo-Leiterin Andrea Müller, Seidenhuhn Pedro und Mitarbeiterin Sabine Schmid (von links).Bild: Manuel Arnold

Dass sich die Klientin im und um den Wohnraum des MuKiWo wohlfühlen, war in den letzten neun Jahren die Herzensaufgabe von Andrea Müller.Bild: Manuel Arnold

Dass sich die Klientin im und um den Wohnraum des MuKiWo wohlfühlen, war in den letzten neun Jahren die Herzensaufgabe von Andrea Müller.Bild: Manuel Arnold

In einem umfunktionierten Bauernhaus war das MuKiWo zu Hause.Bild: zvg

In einem umfunktionierten Bauernhaus war das MuKiWo zu Hause.Bild: zvg

Der sichere Hafen für Mütter schliesst seine Pforten

Neun Jahre lang bot die MuKiWo GmbH in Küngoldingen Müttern in schwierigen Lebenslagen Halt. Nun steht das vom Kanton bewilligte Wohnheim vor dem Aus.

Im Oftringer Ortsteil Küngoldingen steht das Bauernhaus der MuKiWo GmbH. Die Seidenhühner Pedro, Lilly und Momo suchen Schatten unter Tannen. Das Geissentrio Yael, Stella und Luna begrüsst den Ankömmling freundlich am Holzzaun, während das blinde Zwerghäschen Flöckli im ehemaligen Pferdestall ruhig der kommenden Dinge harrt. Die spätsommerliche Idylle trügt jedoch. Über dem zum Mutter-Kind-Wohnen umgebauten Bauernhaus hängen dunkle Wolken. Seit zwei Jahren suchte Initiantin Andrea Müller eine Nachfolge für ihr Herzensprojekt. Einige interessierte Private gab es zwar. Nachdem sie aber gehört hatten, dass 60-Stunden-Wochen im MuKiWo keine Seltenheit sind, verdampfte das Interesse jeweils. Als jüngst auch noch eine Aarauer Stiftung trotz fortgeschrittener Gespräche einen Rückzieher machte, brach auch der letzte Strohhalm weg. «Das MuKiWo ist mein Baby. Hier habe ich in den letzten neun Jahren meine ganze Energie hineingesteckt. Dass wir im September schliessen, schmerzt natürlich», sagt Andrea Müller sichtlich traurig.

Alltägliches Lernen

Das Mutter-Kind-Wohnen ist eine vom Kanton Aargau anerkannte Einrichtung mit zehn Plätzen. Sie hilft Frauen mit psychischer, kognitiver oder körperlicher Beeinträchtigung, im Leben wieder Tritt zu fassen.

Andrea Müller und ihre Mitarbeiterinnen Sabine Schmid und Nathalie Kistler begleiten die Bewohnenden in alltäglichen Dingen: Kochen, Waschen, Kinderbeschäftigung. «Eine Zuweisung erfolgt häufig als Kindesschutzmassnahme. Wir sind aber kein Frauenhaus. Die Papis dürfen zu Besuch kommen, am Wochenende sogar hier schlafen.»

Andrea Müller ist gelernte Köchin. Jahrelang half sie ihren Eltern in deren Lebensmittelladen in Rickenbach. Über die Spittelhof-Spielgruppe und das Kinderheim Schoren in Langenthal fand sie den Weg in die Sozialpädagogik. Ihre Abschlussarbeit an der HSL «Elternschaft trotz kognitiver Beeinträchtigung» markierte den Startschuss für das MuKiWo, das am 17. Oktober 2017 seinen Betrieb aufnahm. «Gleich am ersten Montag nach der Eröffnung holte ich die erste Klientin in Königsfelden ab», erinnert sich Andrea Müller. In den kommenden neun Jahren lebten 19 Mütter mit 25 Kindern im MuKiWo, im Schnitt ein halbes Jahr lang, am längsten knapp fünf Jahre.

Wer so viele Frauen in schwierigen Situationen begleitet, bekommt viel Leid mit. «Ich habe gelernt, damit umzugehen. Ich musste mir auch bewusst werden, dass ich nicht die ganze Welt retten kann. Empathie und Emotionen sind in diesem Beruf dennoch unabdingbar. Wer wie ein Eisklotz agiert, wird seine Ziele nicht erreichen.»

Die vielen Jahre mit langen Arbeitswochen haben auch bei Andrea Müller ihren Tribut gefordert. Sie schaffe es nicht mehr richtig, ihre Batterien zu laden, und ihre Zündschnur sei längst nicht mehr so lang, wie sie am Anfang war. Ihrer Gesundheit zuliebe kommt für sie deshalb der Zeitpunkt, sich von ihrem «Baby» zu verabschieden.

Allzu lange möchte Andrea Müller im Gespräch aber nicht bei den schweren Gedanken verweilen. Viel lieber schwenkt sie auf die positiven Erfahrungen, die sie in den letzten neun Jahren sammeln durfte. Die Dankbarkeit überwiege – für die super Nachbarschaft und die Akzeptanz der Küngoldinger, für die fruchtbare Zusammenarbeit mit der Schule. «Am meisten Freude hatte ich, wenn ich sah, wie die Mamis Fortschritte machten. Die vielen Kinder haben mir auch viele tolle Momente geschenkt. Es war schön, ihnen zuzusehen, wenn sie im und ums Haus fuhrwerkten.»

Mobiliar zum Verkauf

Wenn in den kommenden Wochen kein Wunder geschieht, schliesst das Mutter-Kind-Wohnen am Peyerland 16 Ende September. Am 12. und 19. September gäbe es dann noch zwei Tage der offenen Tür, bei denen Teile des Mobiliars verschenkt oder günstig verkauft werden. Ganz verschwinden wird das MuKiWo aber nicht. Die GmbH betreibt weiterhin zwei Aussenwohnungen. Eine der dort ansässigen Mütter ist im zweiten Lehrjahr, die andere befindet sich in der beruflichen Wiedereingliederung. «Ich hoffe, dass wir beide bis zur vollständigen Selbstständigkeit begleiten können», sagt Andrea Müller. Für die beiden Mütter aus dem Haupthaus konnten Anschlusslösungen gefunden werden. Und auch die Tiere sind versorgt. Das eingangs erwähnte Zwerghäschen hat seit dem Wochenende zudem wieder ein «Gspändli» im Gehege.

Andrea Müller selbst freut sich derweil auf ihre ersten Ferien seit zwei Jahren und darauf, wieder etwas mehr Zeit für ihre Freunde und Familie zu haben. Und wer weiss: Vielleicht packt die 57-Jährige nach einer Ruhephase noch einmal der Elan, für Mütter in schwierigen Situationen der rettende Anker zu sein.Manuel Arnold