Die Chüegasse hoch in der Hochzeitsnacht

Zofingen Die 88. Folge der beliebten Mühlethaler Geschichten

Der laubbedeckte Hohlweg im unteren Teil der Chüegass.Bilder: zvg

Der laubbedeckte Hohlweg im unteren Teil der Chüegass.Bilder: zvg

Familienbild mit Albert Roth am Kuhgespann, Ende der 1920er-Jahre. Ganz rechts sein jüngster Sohn Guido.

Familienbild mit Albert Roth am Kuhgespann, Ende der 1920er-Jahre. Ganz rechts sein jüngster Sohn Guido.

In Zeiten, als die meisten Velos nur drei Gänge hatten und kaum jemand ein Auto besass, waren Fusswegverbindungen noch wichtiger.

Im vergangenen Juli waren unterhalb des Härdöpfuhogers schwere Forstmaschinen im Einsatz. Sie haben den Wald entlang der Chüegasse ausgeholzt. Die Chüegasse ist ein alter Hohlweg, der den Härdöpfuhoger mit dem Tal verbindet. Sie beginnt direkt hinter dem Haus Härdöpfuhoger 5, in dem Guido Roth (1925-2020) bis kurz vor seinem Tod gelebt hat. Zwischen den Liegenschaften, die Familie Roth und Familie Burki gehörten, steht heute noch ein neueres Haus mit der Adresse «Chüegasse 1».

Nach einem kurzen asphaltierten Stück, das an die Härdöpfuhogerstrasse anschliesst, geht die Chüegasse in einen Feldweg über, der – entlang dem früheren Kartoffelacker – talwärts geht. Dort waren zu Zeiten von Albert Roth (1891-1970) noch Kühe anzutreffen; womit sich auch der Name erklären lässt. «Bevor mein Grossvater eine Seilwinde installiert hatte, setzte er Kühe als Zugtiere ein», erzählt Ernst Roth (*1950). Gras, Heu, Kartoffeln, Getreide oder auch Mist wurden mit Fuhrwerken herumgeführt.

Schul- und Arbeitsweg

Weiter unten kommt man dann in ein Waldstück hinein, wo die Chüegasse durch einen Hohlweg verläuft. Die Verbindung diente den Bewohnern des Härdöpfuhogers jahrzehntelang als kürzeste Verbindung zur Hauptstrasse hinunter; und damit auch als Schul- oder Arbeitsweg. «Die Erwachsenen, die berufstätig waren, mussten täglich nach Zofingen. Früher zu Fuss, später mit dem Velo», sagt Ernst Roth. Da aber der Weg auf den «Hoger» mit den damaligen Velos mühsam war, baute Albert Roth unten an der Hauptstrasse ein kleines Holzschöpfli. Dort konnten die Velos geschützt abgestellt und der steile Weg zu Fuss überwunden werden. Auch Ernst nutzte in der Bezirksschulzeit ab 1961 diese Möglichkeit. Und er erinnert sich, wie er und seine Geschwister jeweils ihrem Vater Willi zum Abschied gewinkt haben, wenn er talwärts ging, wo er bei der Baufirma Gottlieb Müller als Prokurist im Büro arbeitete. Mittags habe man mit dem Auftischen gewartet, bis er auf der Chüegasse auftauchte, die man vom Stubenfenster daheim im Haus Härdöpfuhoger 3 im Blick hatte.

Die schwere Tuba und eine Braut mit schönen Schuhen

Als Mitglied der Kadettenmusik spielte Ernst Tuba. «Es hat mich einige Schweisstropfen gekostet, das schwere Instrument die Chüegasse hochzutragen», erinnert er sich. Der stolze Auftritt am Kinderfest und bei anderen Gelegenheiten wollte also verdient sein. Später wechselte Ernst auf die Trompete.

Cousine Margrit Roth (*1955), die Tochter von Guido, erinnert sich, dass sie jeweils am liebsten «das Wägli über der Hohlen Gasse» genommen hat. Erst wenn im Herbst das Laub fiel, ging sie den regulären Weg: «Das Laub-Rascheln hat mich in die Mitte der Gasse gelockt.» Und sie hat noch eine besondere Geschichte parat: «Die Chüegasse sei am Abend des 15. November 1952 bereits vom ersten Schneefall gschliferig gewesen, haben unsere Eltern erzählt.» Dem Carchauffeur der Hochzeitsgesellschaft sei die schmale Zufahrt auf den Härdöpfuhoger zu riskant gewesen. Das frisch getraute Hochzeitspaar und seine Angehörigen mussten den Heimweg durch die Chüegasse antreten. «Wohl nicht so gäbig für die schönen Schuhe der Braut», meint Margrit Roth.

Wer noch mehr über das Leben in früheren Zeiten im Mühlethal erfahren möchte, sollte sich den Dienstagabend, 10. November vormerken. Dann laden Christian Roth, Ernst Roth und Bruno Graber nämlich zum dritten Erinnerungsabend «Mühlethal Einst und Heute» im Kirchgemeindehaus Eichhölzli ein. Es geht um Grenzen, Dorfvereine sowie Häuser und ihre Bewohner. Weitere Infos folgen.

Christian Roth