Die grosse Fabrik im Tal
Zofingen 86. Folge der Mühlethaler Geschichten

Die Textilfabrik Bethge ist in den Mühlethaler Geschichten schon mehrmals erwähnt worden, zuletzt wegen ihrer besonderen Lage an der Grenze. Sie war für über 150 Jahre Arbeitsort für viele Mühlethalerinnen und Mühlethaler.
Die Brüder Ferdinand und Eduard Bethge haben das Unternehmen 1834 gegründet, wie auf der Internetseite www.industriekultur.ch nachzulesen ist. 1871 kauften sie das Grundstück mit Färbereigebäude im Mühlethal, wo dann Textilien veredelt, gebleicht und gefärbt wurden. Darunter waren Schwergewebe wie Förderbandstoffe, Spitaldecken, Blachen- und Storenstoffe. Dazu Heim- und Bekleidungstextilien wie etwa Hemden- und Bettwäschegewebe, Doppelmolton oder Futterstoffe für die Schuhindustrie. 1936 wurde daraus die Bethge & Co. AG. Die Produktion sank im Zweiten Weltkrieg wegen fehlender Brennstoffe und Chemikalien.
Schulklasse sucht Tannzapfen
In der «Mittex», der Fachzeitschrift für textile Garn- und Flächenherstellung im deutschsprachigen Europa, die von der Schweizerischen Vereinigung von Textilfachleuten herausgegeben wurde, ist 1982 eine Betriebsreportage über die «Bethge» erschienen. Darin wird aus der Unternehmenschronik Folgendes zitiert: «Teerrückstände, Tannzapfen und auf Schleichwegen aufgetriebenes Buchenholz wurden in Massen verheizt. Die Schüler der Gemeinde Mühletal opferten mit ihrem Lehrer zusammen einen ganzen Tag, um gemeinsam Tannenzapfen für unseren Betrieb zu suchen.» Peter Schindler, wie der Autor des Betrags heisst, kann sich dabei einen Seitenhieb gegen die kritischen Lehrerinnen und Lehrer der 1980er-Jahre nicht verkneifen: «Das vergiftende Klima der Industriefeindlichkeit war damals in der Lehrerschaft offensichtlich inexistent.»
92 Rappen Stundenlohn
Auch Ueli Fretz (1936–2023) konnte sich noch daran erinnern, dass als Ersatzbrennstoff Tannzapfen gefragt waren: «Kohle war schwer erhältlich und die dampfbetriebenen Produktionsmaschinen durften nicht zum Stillstand kommen. Es wäre fatal gewesen, wenn all die Männer nicht mehr hätten beschäftigt werden können, nachdem ihr Lohn ohnehin schon sehr bescheiden war», sagte er in der 29. Folge der «Mühlethaler Geschichten». Und erwähnte, dass sein Vater in diesen Zeiten 92 Rappen pro Stunde verdiente.
1985 erschien nochmals eine Betriebsreportage in der «Mittex». Dass man «ausnahmsweise ein zweites Mal über denselben Betrieb berichte», liege auch am «Tag der offenen Tür» zur Einweihung des neuen Fabrikations- und Lagergebäudes, schreibt Peter Schindler. Die Geschäftsleitung der Bethge AG habe die Gelegenheit genutzt und damit «gleichzeitig wohl Gunst und Anerkennung der meisten Gäste für die geschilderte Aktion gewonnen.» Sogar ein Regierungsrat war am Anlass dabei, wie es im Bericht heisst. Mehr dazu in einer späteren Folge der Mühlethaler Geschichten. Christian Roth