Die Stimme der Einheimischen: Zeitzeugen lassen Aarburgs Geschichte lebendig werden

Aarburg Die aktuelle Ausstellung ist Teil einer Masterarbeit

Jugendliche im Städtchen um 1915 beim Sägen und Spalten von Brennholz.zvg/Museum Aarburg

Jugendliche im Städtchen um 1915 beim Sägen und Spalten von Brennholz.zvg/Museum Aarburg

Das gewaltige Trinkhorn des Turnvereins Aarburg.Bild: Janine Mueller

Das gewaltige Trinkhorn des Turnvereins Aarburg.Bild: Janine Mueller

Die Stimme der Einheimischen: Zeitzeugen lassen Aarburgs Geschichte lebendig werden

Die Sonderausstellung «Erzählte Geschichte – Aarburg im 20. Jahrhundert» beleuchtet die Entwicklung des Städtli der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Angereichert ist sie mit Filmen und Interviews von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die eine neue Perspektive auf die Geschichte eröffnen.

Wie haben die Menschen die Entwicklung des Städtli Aarburg ab 1950 erlebt? Das thematisiert die aktuell laufende Sonderausstellung im Museum Aarburg – erstmals sogar multimedial. Dokumentiert wird der wirtschaftliche, politische, soziale und kulturelle Wandel in Aarburg. Video- und Interviewausschnitte der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen – darunter zwei portugiesische Migrantinnen, Guido Fischer (ehemaliger CEO der Weber Textil AG) oder der einstige Festungs-Gärtner Christian Siegrist – kontextualisieren die Informationen auf den aufgebauten Stelen. Gegenstände – darunter beispielsweise ein riesiges Trinkhorn des Turnvereins Aarburg – runden die Ausstellung ab.

Behandelt werden die Themen Industrie und Gewerbe, Verkehr und Stadtentwicklung, Vereine und Zusammenleben, Zuwanderung, Jugenderinnerungen und Jugendheim Aarburg. Hintergrund ist, dass sich Aarburg als zentraler Industriestandort und Verkehrsknotenpunkt an der Kantonsgrenze in den letzten 50 Jahren stark gewandelt hat.

Textilwirtschaftskrise war einschneidend

«So befindet sich in Aarburg beispielsweise die älteste mechanische Weberei und Spinnerei der Schweiz, die seit 1828 in Aarburg fabrizierte und in der eigenen Färberei gefärbte Gewebe aus Rohbaumwolle auf den Markt brachte», heisst es im Projektbeschrieb zur Ausstellung. «Sie geriet in den 1970er-Jahren erstmals in die Wirren der Textilwirtschaftskrise. Ende der 1990er-Jahre musste die Weberei die Tore schliessen.» Das Firmenarchiv der Weberei befindet sich in der Sammlung des Museums.

Aarburgs Geschichte war auch geprägt durch die Eröffnung der Autobahn A1 im Jahr 1967 und die Ortskernumfahrung 2007. Filmaufnahmen zeigen, wie sich vor der Umfahrung der Verkehr durch das Nadelöhr im Städtli zwängte. Ergänzt ist der Themenbereich Verkehr und Stadtentwicklung mit den damaligen Abstimmungsparolen für und gegen die Ortskernumfahrung, welche die Gemüter erhitzte.

Um die Forschung mit Stimmen von Zeitzeugen zu ergänzen, eilte die Zeit. «In Aarburg leben nur noch wenige Menschen, die aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters einen grossen Teil des 20. Jahrhunderts selbst miterlebt haben und von ihren Erfahrungen berichten können», sagt Luzia Fleischlin, Kuratorin des Museums Aarburg. Es habe sich die letzte Möglichkeit geboten, mit der Methode Oral History die Sichtweise und das Wissen dieser Menschen als Quelle für die Geschichte der Gemeinde Aarburg zu sichern. Es sei zudem der Wunsch der Museumskommission gewesen, nach 2008 wieder einmal mit Einheimischen Interviews zu führen.

Ausstellung ist Teil einer Masterarbeit

Viel zur Ausstellung beigesteuert hat Fabio Gisler. Er hat den Bachelor in Geschichte in Basel abgeschlossen und machte den Master in Sozialer Arbeit an der FHNW in Olten. «Historische Arbeit und soziale Themen kombiniert entsprechen gut meinem Hintergrund», sagt der 28-Jährige. Die Umsetzung der Ausstellung ist Teil seiner Masterarbeit. Er war es, der die Interviews mit den Zeitzeuginnen und Zeitzeugen führte.

«Wenn man den Wandel anschaut, den Aarburg durchgemacht hat, ist es eine sehr typische Entwicklung», sagt er. «Diese Veränderung ist sehr präsent in den Köpfen der älteren Menschen.» Der Wandel habe sich auch ausgewirkt auf die soziale Ungleichheit. Er zeigt sich froh darüber, dass ein Teil seiner Masterarbeit einem breiteren Publikum zugänglich gemacht wurde. «Das macht es schon speziell, brachte aber auch einiges an Koordinationsarbeit mit sich», sagt er.

Unterstützung erhielt das Museum Aarburg zudem von Sara Galle, Historikerin, und Christine Matter, Soziologin, von der Hochschule für Soziale Arbeit der FHNW. «Von dieser Zusammenarbeit konnten wir stark profitieren», sagt Fleischlin.

Besonders gefreut hat sie, dass die meisten angefragten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen direkt zusagten und bereit waren, mitzumachen. «Es ist die Aufgabe des Museums, diese Stimmen einzufangen», findet sie. «Am schwierigsten war es, ehemalige Webi-Mitarbeiterinnen zu finden.» Dank Kontakten fand Luzia Fleischlin dann Maria di Pietro und Virginia Reist-de Sousa, die beide von Portugal in die Schweiz migrierten.

Di Pietro ist seit 1972 in Aarburg wohnhaft. Von 1972 bis 1982 war sie Näherin bei Calida in Sursee und anschliessend bis 1993 bei der Weber Textil AG tätig. Reist-de Sousa arbeitete von 1980 bis 1981 in einem Restaurant in Laufen, anschliessend als Zimmermädchen im Hotel Hilton in Basel. Danach war sie als Altenpflegerin, Küchengehilfin und Reinigungskraft in der Region Aarburg tätig. Von 1990 bis 2011 war sie Operationsassistentin im Spital Zofingen.

Die Videoaufnahmen und Tonspuren sind eindrücklich und regen zum Nachdenken an. Besonders interessant: Den Videoaufnahmen wird teilweise die aktuelle Berichterstattung von damals gegenübergestellt. So im Fall von Guido Fischer. Neben seinem Interview läuft ein Schweiz-aktuell-Beitrag von der damaligen Schliessung der Weber Textil AG. «Obwohl es schon lange her ist, hat man gemerkt, dass ihn die Ereignisse von damals noch immer bewegen», sagt Luzia Fleischlin.

Module werden in Dauerausstellung integriert

Möglich war die Umsetzung der Ausstellung dank der Finanzierung durch die Franke Stiftung, der Byland Cadieli-Stiftung und den Swisslosfonds. Der Vorteil für das Museum Aarburg: Die für die Sonderausstellung entwickelten Ausstellungsmodule sollen anschliessend teilweise in die Dauerausstellung des Museums integriert werden. Entsprechend werden die Ausstellungen künftig ebenfalls multimedial bespielt. Die Interviews werden zudem integral der Forschung zur Verfügung gestellt.

Ergänzt wird die Sonderausstellung durch ein Erzähl-Café, wo die Museumsbesucherinnen und -besucher die Themen diskutieren, sich Anekdoten erzählen und ihre Erinnerungen teilen können. «Diese Erzählungen nimmt das Museumsteam auch auf», sagt Fleischlin. Janine Müller