Eine Zugreise durch Tschechien und die Welt
Zofingen Hochkarätige Autorinnen, Humor und überraschende Einblicke prägten die Zofinger Literaturtage
Die Zofinger Literaturtage nahmen das Publikum mit auf eine Reise durch Tschechien, seine Geschichte und seine Gegenwart. Hochkarätige Gäste, überraschende Perspektiven und pointierte Diskussionen sorgten für volle Säle und reichlich Gesprächsstoff.
«Meinungsfreiheit bedeutet die Verteidigung wahrer Worte und belegter Fakten, nicht das Kultivieren von Lügen.» Radka Denemarková, eine der wichtigsten Autorinnen Tschechiens, wiederholte in Zofingen, was sie bereits zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse gesagt hatte. Die Weltpresse nannte sie mutig. Ihr Kommentar? «Was ist das für eine Gesellschaft, was für eine Politik, wenn es Mut braucht, so etwas zu sagen?»
Welch glückliche Programmierung, dass sie an diesem Wochenende im Kulturhaus West zu Gast war! Der Saal war am Sonntagnachmittag voll, der Applaus gross. Gebannt lauschte das Publikum ihrem Plädoyer für Wahrheit und Literatur. «Die von Menschen geschriebene Literatur ist das Wichtigste, was wir haben», betonte sie.
In ihrem Roman «Schokoladenblut» verbindet Denemarková drei Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts auf einer fiktiven Zugreise: die tschechische Schriftstellerin Božena Němcová, die französische Autorin George Sand und den amerikanischen Unternehmer John D. Rockefeller. «Hier liegen die Wurzeln unserer politischen Gegenwart», erklärte sie. «Dieser Zug fährt bis ins 20., bis ins 21. Jahrhundert.»
Eine Reise in den Osten
Wie auf einer Zugfahrt durch Tschechien, die Jahrhunderte und Osteuropa fühlte man sich an diesen Literaturtagen. Doch gehört Tschechien überhaupt zum Osten? Oder stammt diese Zuordnung aus jener Zeit, als der Eiserne Vorhang Europa teilte?
Die Podiumsdiskussion «Die Erfindung des Ostens» ging solchen Fragen nach. Prag war einst Zentrum des Heiligen Römischen Reiches, liegt westlicher als Wien und Tschechien gehört längst zur EU und zur Nato. Wie berechtigt ist da die Forderung nach einer Verwestlichung? Und ist die Unterscheidung kulturell oder wirtschaftlich? Klára Vlasáková brachte es humorvoll auf den Punkt: «Wir haben westliche Preise, aber halbe Löhne.»
Die Literatur eröffnete weitere Perspektiven: Alice Horáčková beleuchtete in «Geteiltes Haus» die Geschichte, Lucie Faulerová in «Ich habe den Tod gerettet» menschliche Schicksale. Petr Hanel beschäftigte sich in «Du weisst nen Scheiss über Sterne» mit jungen Menschen und Social Media, während Klára Vlasáková in «Die Kugel» eine Gesellschaft im Ausnahmezustand erkundet. Gesprächsstoff gab es reichlich – und am Büchertisch der Zofinger «Leserei» die Qual der Wahl.
Sprachgrenzen überwinden
Für besondere Momente sorgte der Autor, Übersetzer und Verleger Ondřej Cikán. Mit historischen Exkursen und viel Humor erklärte er die Entwicklung und Eigenheiten der tschechischen Sprache. Seine leidenschaftlichen Lesungen aus der tschechischen Poesie berührten ebenso wie sein Satz: «Wenn ich beim Lesen nicht weinen muss, habe ich schlecht übersetzt.»
Das Team der Zofinger Literaturtage bewies Gespür für spannende Bücher und wichtige Themen. Das Interesse war deutlich grösser als in den Vorjahren. Am Samstag mussten sogar zusätzliche Kopfhörer organisiert werden.
Eine besondere Leistung erbrachten die beiden Dolmetscherinnen, die den Austausch zwischen Publikum und Gästen ermöglichten. Dass Sprache keine unüberwindbare Grenze sein muss, zeigte schliesslich auch Liedermacher Jan Řepka: Dank ihm war Mani Matter sogar auf Tschechisch zu hören. Sabine Altorfer





