«Es ist immer noch furztrocken»
Oftringen/Rothrist Förster Beat Steffen zeigt auf einem Rundgang, wie der Wald leidet

Der Jahrhundertsommer ist vorbei, seine Folgen sind es nicht. Förster Beat Steffen zeigt, wie es dem Wald in der Region wirklich geht.
Beat Steffen rümpft die Nase und lässt den Blick durch den Wald streifen: «Ein Hirschstier», sagt er dann. Zu sehen ist weit und breit keiner, Steffen aber riecht das Tier. Der Hirschstier habe einen ganz eigenen Geruch während der Paarungszeit, sagt er. Beat Steffen ist seit 23 Jahren Förster und für die Wälder von Brittnau, Oftringen, Vordemwald, Dörfli Strengelbach und Fulenbach verantwortlich. Gerade steht er inmitten des Waldgebiets Langholz in Rothrist. Vor ihm befindet sich eine Schlammgrube. Hierhin kommen Hirsche, um sich im Dreck zu suhlen. «Dabei können sie sich abkühlen und es dient auch der Parasitenabwehr», erklärt Steffen. Aktuell ist das aber nicht wirklich möglich, denn die Suhle ist ausgetrocknet, und das schon seit Monaten. «Ich habe noch nie erlebt, dass es hier kein Wasser hat», sagt Steffen. Im Sommer hatte er zeitweise selbst Wasser eingefüllt – vergebens. «Nach wenigen Tagen war es bereits wieder verdunstet.»
Obwohl inzwischen der Herbst Einzug gehalten hat, fehlt dem Boden weiterhin Wasser. «Es ist immer noch furztrocken», sagt Steffen auf der Fahrt durch den Wald. Eine solche Trockenheit habe er im Herbst noch nie erlebt. Welche Folgen das hat, zeigt sich wenige Kilometer weiter besonders deutlich. Schon auf der Fahrt zum Oftringer Waldgebiet Engelberg fallen zwischen den grünen Baumkronen rote und braune Flecken auf. Auf dem kalkreichen Juraboden am Engelberg wachsen viele Laubbäume, darunter zahlreiche Buchen. Gerade ihnen setzt der Wassermangel zu. «Wird es im Boden zu trocken, kann der Baum das Wasser nicht mehr bis in die Krone bringen. Der Baum stirbt von oben her ab», erklärt Steffen.
Das ist auch der Grund, weshalb ein Waldspaziergang aktuell gefährlich sein kann. Äste können unvermittelt abbrechen. Mit den Herbstwinden dürfte das Risiko ansteigen, deshalb sollte bei Wind auf den Waldspaziergang verzichtet werden. Steffen will deshalb im Oftringer Engelberg Infotafeln aufstellen. «Es ist aber fraglich, wie viel das bringt», sagt er. Viele Menschen seien sich gewohnt, dass Gefahren abgesichert würden. Im Wald sei das aber nur begrenzt möglich. «Der Wald ist immer noch ein Naturobjekt», sagt Steffen. Ob ein Ast im Innern bereits trocken ist und abbrechen könnte, könne auch er einem Baum nicht ansehen. Wie gross die Schäden des Jahrhundertsommers tatsächlich sind, wird sich erst im Frühling und den Folgejahren zeigen. Steffen deutet auf die verfärbten Kronen am Hang. «Wenn alle diese Bäume im Frühling nicht mehr austreiben, dann ist der halbe Berg kahl.» Noch ist offen, welche Bäume sich erholen. Klar sei aber eines: «Ein nasser Herbst und Winter ist das Minimum, das wir brauchen.»
Anders als die Bäume haben die Wildtiere den heissen Sommer gut verkraftet, sagt Beat Steffen. Auch wenn ihre Suhlen ausgetrocknet waren – Rehe und Hirsche seien robust. «Sie brauchen vergleichsweise wenig Wasser und nehmen einen grossen Teil der benötigten Flüssigkeit über ihre Nahrung auf», sagt Beat Steffen. Von dieser habe es trotz Trockenheit genug gegeben. Insbesondere im Wald Langholz in Rothrist, der aufgrund seines lehmigen Bodens Feuchtigkeit länger speichern kann. «Sie mussten den Gürtel etwas enger schnallen, aber wirklich gehungert haben sie nicht.» Einzig Rehgeissen mit zwei, teilweise auch drei Jungen seien etwas abgemagert gewesen. Schwieriger sei die Situation für kleinere Tiere wie Amphibien. Sie können nicht einfach an Orte mit mehr Wasser wandern. Das zeigt sich im Naturwaldreservat Langholz in Rothrist, das Heimat für Schlangen, Frösche und viele weitere Tier- und Insektenarten ist. Wo normalerweise deutlich mehr Wasser steht, liegt der Wasserspiegel so tief, dass selbst der Eingang des Biberbaus nahezu im Trockenen liegt.
Das grössere Problem für die Wildtiere sei inzwischen der Mensch, sagt Steffen. «Irgendwo muss die Tierwelt auch noch ihre Ruhe haben.» Gerade im Langholz sei der Nutzungsdruck hoch. Das Gebiet sei einer der wenigen weitgehend flachen Waldabschnitte in der Umgebung und deshalb bei Spaziergängern, Joggern, Hundehaltern und Velofahrern beliebt. Für die Tiere bedeute das immer weniger Rückzugsraum. «Jeder will Naturschutz, aber Rücksicht nimmt niemand», der Wald wird mittlerweile fast 24 Stunden am Tag vom Menschen genutzt. Die Wildtiere benötigen Ruhe und können nicht ständig aufgescheucht werden. Durch diesen auftretenden Stressfaktor sind vermehrt Verbissschäden am aufkommenden Jungwald zu beobachten. Die Besucherlenkung im Wald werde deshalb in den kommenden Jahren die grösste Herausforderung sein. Melissa Burkhard