Frösche und Kröten auf Achse: Eine Hochzeitsreise mit vielen Gefahren
Zofingen Die Amphibienwanderung ist im Gang
Bereits Mitte Februar hat die jährliche Amphibienwanderung in der Region eingesetzt. Frösche, Kröten und Molche machen sich auf den Weg zu ihren Laichgewässern und müssen dabei auch Strassen überqueren. Viele ehrenamtlich Tätige helfen mit, dass die Tiere überhaupt an ihrem Ziel ankommen.
«Die Amphibienwanderung ist jedes Jahr ein grossartiges Naturschauspiel», sagt Hans Althaus. Sobald die Nächte milder werden und Regenfälle einsetzen, erwachen Tausende Frösche, Kröten und Molche aus ihrer Winterstarre. Die geschlechtsreifen Tiere begeben sich dorthin, wo sie einst selber geschlüpft sind. «Für viele Tiere ist das eine lange und gefährliche Reise», betont der 81-jährige ehemalige Biologielehrer der Bezirksschule Zofingen. Althaus kennt die Problematik seit vielen Jahren. Denn er war in Zofingen treibende Kraft hinter den ersten Schutzmassnahmen für Amphibien im Rebberggebiet. Entlang der Oberen Rebbergstrasse wurde damals ein rund 300 Meter langer Folienzaun errichtet, beim Haldenweiher ein 250 Meter langes Leitsystem. Dank diesen Massnahmen konnten am Rebberg 1990 erstmals Amphibien eingesammelt und zum Laichgewässer transportiert werden.
In der Region wurden früh Massnahmen eingeleitet
Man dürfe ohne Umschweife sagen, führt Althaus aus, dass in der Region Zofingen wie überhaupt im Kanton Aargau schon sehr früh entsprechende Massnahmen eingeleitet wurden, um die Massaker auf der Strasse zu unterbinden. «Ein grosses Glück war, dass der Aargauische Bund für Naturschutz erstmals in den 1970er-Jahren und dann nochmals in den 1980er-Jahren ein Amphibien- und Zugstelleninventar erstellt hatte, weiss Althaus. Ein weiterer Glücksfall sei gewesen, dass der Kanton Aargau mit Ulrich Siegrist (Amtszeit 1983–1999) einen Regierungsrat hatte, der Umweltanliegen äusserst aufgeschlossen gegenüberstand. So wurden in der Region Zofingen schon ab 1991 erste Massnahmen an acht grossen Zugstellen in den Gemeinden Brittnau, Mühlethal, Murgenthal, Staffelbach, Vordemwald und Zofingen eingeleitet, um Amphibien auf ihrer Hochzeitsreise zu schützen.
Mit baulichen Massnahmen wie fixen Zäunen und Unterführungen mit Leitsystemen wurden die Massnahmen an diesen Zugstellen ungefähr in den Jahren zwischen 2000 und 2005 schliesslich definitiv umgesetzt. «Deshalb wird heute nur noch an wenigen, meist an Gemeindestrassen gelegenen Zugstellen von Hand gesammelt», weiss Althaus. In Zofingen weiterhin im Rebberggebiet, seit 2022 auch an der Mühlethalstrasse. Beide Zugstellen werden vom Naturschutzverein Zofingen betreut. Besonders toll, dass im Rebberggebiet wiederum zwei Schul- und eine Kindergartenklasse beim Einsammeln mithelfen. Biologieunterricht at it’s best!
Ungleiche Entwicklung der Fangzahlen kaum erklärbar
Die Kurven der Amphibienfangzahlen verlaufen an den beiden Zofinger Zugstellen ganz unterschiedlich. Nach einer bescheidenen Ausbeute mit 15 Grasfröschen, 99 Erdkröten, 10 Fadenmolchen und 3 Bergmolchen, die im ersten Jahr eingesammelt werden konnten, schnellten die Fangzahlen im Rebberggebiet / Haldenweiher in den Folgejahren explosionsartig nach oben. 1994 wurde der Allzeithöchststand mit 1805 eingesammelten Amphibien, davon 1653 Erdkröten, erreicht. Nach 1994 sanken die Zahlen deutlich ab, bewegten sich aber mit 300 bis 1000 Amphibien immer noch in einer ansehnlichen Höhe. Seit 2007 sind die Fangzahlen nochmals deutlich zurückgegangen, 2016 wurden letztmals mehr als 200 Tiere eingesammelt. «Am Rebberg erklären wir uns den Rückgang der Fangzahlen mit der in der ganzen Schweiz feststellbaren Abnahme der Erdkrötenpopulationen», meint Hans Althaus. Die Gründe dafür seien allerdings unklar, führt er weiter aus. Da sich die Sommer- und Winterquartiere der Erdkröten vorwiegend im Wald befinden und die Weiher allesamt am Waldrand liegen, könnten negative Einflüsse durch die Landwirtschaft (Pestizide, Düngung) ausgeschlossen werden. Der drastische Rückgang der Insektenpopulationen, einer wichtigen Nahrungsgrundlage der Amphibien, dürfte eine Rolle spielen. Eventuell seien es aber auch natürliche Schwankungen wie sie in allen Tierpopulationen auftreten würden.
Komplett entgegengesetzt verläuft die Entwicklung an der Mühlethalstrasse, wo seit 2022 Amphibienschutzzäune gestellt werden und die eingefangenen Tiere anschliessend in den Stampfiweiher an der Grenze zum Zofinger Ortsteil Mühlethal transportiert werden. Dort stieg die Zahl der eingefangenen Amphibien, rund 70 Prozent sind Grasfrösche, kontinuierlich an. Von 445 über 569 und 650 auf den bisherigen Höchststand von 1109 im vergangenen Jahr an, wobei die in der Statistik aufgeführten toten Tiere nicht miteingerechnet wurden. «An der Mühlethalstrasse hatte es immer Amphibien», sagt Hans Althaus, aber es sei doch erstaunlich, dass die Zahlen seit 2022 linear nach oben zeigen würden. Zumal es entlang der Zäune keine grösseren Weiher gäbe.
Grosser Überhang an Männchen
Dann gehts weiter zum Stampfiweiher, wo sich den Augen von Hans Althaus ein gefreutes Bild offenbart. Laichklumpen liegt an Laichklumpen, die Grasfrösche zeigen sich in den Morgenstunden aber nur vereinzelt. «Es ist noch zu kühl», sagt Althaus, erst am Nachmittag würden sich die Frösche an die Wasseroberfläche begeben. «Erdkröten haben noch nicht gelaicht», erklärt Althaus weiter, das erkenne man daran, dass noch keine Laichschnüre im Weiher zu finden seien.
Die Männchen sind in der Hochzeitsgesellschaft deutlich in der Überzahl. Das hängt damit zusammen, dass die Männchen jedes Jahr zum Geburtsweiher ziehen, während Erdkrötenweibchen nur ein bis zwei Mal im Leben zum Laichgeschäft kommen. Zudem sterben viele Weibchen nach dem Laichgeschäft oder auf der Rückwanderung aus Erschöpfung. Hans Althaus, der die Beobachtungen zu den Amphibienlaichzügen in der Region Zofingen 1991 – 2006 im Auftrag der IG vernetzte Landschaft Aare-Wiggertal akribisch ausgewertet hat, geht bei den Grasfröschen von einem Geschlechterverhältnis von 1:3 bis 1: 5 aus, während bei den Erdkröten auf ein Weibchen sogar fünf bis sieben Männchen kommen. Entsprechend umkämpft sind die «Logenplätze» auf dem Rücken der Weibchen. Treffen Männchen ein Weibchen an – oft schon weit vor der Ankunft im Gewässer – springen sie auf seinen Rücken und pressen die kräftigen Vorderbeine in seinen Bauch. Höckerartige Erhebungen an den Daumen, die Brunftschwielen, verhindern ein Abrutschen. Die Weibchen tragen das Männchen dann per Huckepack oft längere Strecken. Selbst eine Landung im Fanggefäss und das ungemütliche Gewusel darin bis zum nächsten Morgen stört die Männchen nicht. «Im Weiher selbst kann man dann oft ganze Ansammlungen von Männchen finden, die ein Weibchen drangsalieren», führt Althaus weiter aus.
Amphibien-Lebensräume in Zofingen nicht schlecht
Weiter gehts zum Haldenweiher, wo sich nur sehr vereinzelte Laichklumpen und ebenfalls keine Laichschnüre finden lassen. Zudem schwimmen zwei Enten auf und Fische im Wasser – keine guten Aussichten, dass da mit viel Grasfrosch-Nachwuchs zu rechnen ist. «Fressen und gefressen werden gehört zum Tierleben», meint Hans Althaus. Trotzdem findet der Biologe, dass die Lebensräume in Zofingen für Amphibien nicht schlecht sind. «Die drei grossen Weiher – Forsthaus-, Halden- und Bärenmoosweiher – liegen allesamt in Waldrandnähe und es führen auch keine grossen Strassen in unmittelbarer Nähe vorbei. Und mit dem an der Mühlethalstrasse gelegenen Stampfiweiher gibt es noch einen viertes, gut besuchtes Laichgewässer.» Thomas Fürst









