Für seine Diplomfeier reicht ein einziger Stuhl

Oftringen Aaron Sturzenegger steht bei Möbel Berger kurz vor dem Lehrabschluss

An der Nähmaschine beweist Aaron Sturzenegger das nötige Fingerspitzengefühl.Bild: Manuel Arnold

An der Nähmaschine beweist Aaron Sturzenegger das nötige Fingerspitzengefühl.Bild: Manuel Arnold

Mit der Druckpistole befestigt Aaron Sturzenegger die Leder und Stoffe an der richtigen Stelle.

Mit der Druckpistole befestigt Aaron Sturzenegger die Leder und Stoffe an der richtigen Stelle.

Marco Berger, Inhaber und Geschäftsführer von Möbel Berger, mit seinem Lehrling Aaron Sturzenegger.Bilder: Manuel Arnold

Marco Berger, Inhaber und Geschäftsführer von Möbel Berger, mit seinem Lehrling Aaron Sturzenegger.Bilder: Manuel Arnold

In der gesamten Schweiz schliesst in diesem Jahr nur ein einziger junger Mann die Lehre als Industriepolsterer ab. Diese Zeitung konnte mit dem exklusivsten Lehrling des Landes vor seiner letzten Prüfung sprechen.

Würde man in diesem Sommer alle Industriepolsterer-Lehrabsolventen auf eine Bühne schicken, stünde Aaron Sturzenegger allein dort. Würde man ihm alle aktiven Lehrlinge zur Seite stellen, selbst dann wären nur neun Personen oben. Aaron Sturzenegger ist schweizweit nämlich der Einzige, der seine Lehre zum Industriepolsterer in diesem Jahr abschliessen wird.

Der «Wiggertaler» trifft Aaron Sturzenegger bei seinem Lehrbetrieb, Möbel Berger in Oftringen. Lockiges Haar, eine Brille im T-Shirt-Kragen eingesteckt, sitzt der 19-jährige Exot unter den Handwerkern entspannt im Ausstellungsraum des Möbelhauses. Er spricht davon, wie sehr er die Abwechslung an seiner Arbeit schätzt. Davon, dass er das Privileg besitzt, am Abend jeweils direkt zu sehen, was er geleistet hat. Und davon, nach verrichtetem Tagwerk manchmal einen fertigen Hocker oder Sessel zu haben, auf dem er sich zu Hause ausruhen kann.

Federn, polstern, beziehen

Wie vielfältig die Arbeit eines Industriepolsterers ist, zeigt er in der Werkstatt am Beispiel eines Sessels. Das angelieferte Holzgestell wird erst unterfedert. Es folgt der Schaumstoff, der im Bedarfsfall zuerst zugeschnitten oder per Sprühpistole verleimt wird. Für das Beziehen fertigt Aaron Sturzenegger Schablonen aus Packpapier an. Mit einem günstigen Material macht er einen Testlauf, bevor er mit hochwertigen Ledern oder Stoffen zugange ist. Wie viel Zug es braucht, damit der Stoff keine Falten wirft, sei Gefühlssache, sagt er. Für den nötigen Halt sorgen Klammern, die mit Druckluft aus einer Pistole geschossen kommen.

An der Werkbank neben ihm steht an diesem Morgen sein Lehrmeister Philipp Zurbuchen. Er lobt seinen Schützling, erzählt, dass er selbst einst Lehrling im Betrieb war. 20 Jahre später arbeitet er immer noch hier. Weil es Spass mache, wie er sagt. In der Schaumstoffabteilung nebenan werkelt Roland Müller, der bereits sein 25-Jahr-Jubiläum feiern durfte.

Viel Zeit verbringt Aaron Sturzenegger in der Näherei, wo seine zweite Lehrmeisterin, Manuela Schmid, ihr Wissen weitergibt. Kedernaht, Biesennaht, Kappnaht. All das will gelernt sein. Auf dem grossen Tisch schneidet er die Teile aus, näht sie an einer der Nähmaschinen zusammen. Die eingangs erwähnte abwechslungsreiche Arbeit bedarf nach diesem Rundgang durch die Werkstatt keiner weiteren Erklärung.

Lehrgang im Wandel

Dass Aaron Sturzenegger als einziger seines Jahrgangs als Industriepolsterer-Lehrling anfing, führte dazu, dass er bei der Einführung an der Berufsschule mit seinem Lehrer allein im Zimmer sass. Den Unterricht zur Allgemeinbildung teilte er mit den Gastroleuten, die fachlichen Teile mit den Industriepolsterern aller drei Lehrjahre. Weil es nur sehr wenige Lehrlinge gibt, wird es den Lehrgang ab 2028 in dieser Form nicht mehr geben. Dann heisst der Beruf Interieurdesigner EFZ. Die vierjährige Lehre wird in den drei Fachrichtungen Polster, Einrichtungstextilien und Oberflächen angeboten. Geschäftsführer und Inhaber Marco Berger ist darauf angewiesen, auch in Zukunft Nachwuchs zu haben: «Damit wir die Fachkräfte von morgen finden, bilden wir jeweils zwei Lehrlinge aus. Aktuell sind es sogar drei. Wir haben immer die Hoffnung, dass uns die Lehrlinge nach dem Abschluss auch erhalten bleiben.»

Als eine der fünf grössten Polstereien des Landes – mit 13 Personen in der Produktion – kann das in vierter Generation geführte Unternehmen auch vielfältige und grosse Aufträge annehmen. So stellte Möbel Berger für Rolex Biel kürzlich Sitzbänke nach Mass für die Kantine her. Aktuell sind für die Aargauische Kantonalbank Sitzhocker in Form des AKB-Logos in Produktion, genauso wie die Restauration von 120 Kinosesseln für die Zürcher Hochschule der Künste.

Feingefühl und Kraft gefragt

Um ein guter Industriepolsterer zu sein, sollte man laut Aaron Sturzenegger Geduld, ein räumliches Vorstellungsvermögen, Feingefühl und Kraft in den Fingern haben. Wegen der hohen Konzentration gebe es am Abend nicht selten müde Augen. Entspannung findet der Sohn eines Schweizers und einer Thailänderin beim Spazieren mit seinem Appenzeller Sennenhund «Kimoo». Zudem ist er ein begeisterter Konsolengamer. Die Chance, dass er beim Zocken auf einer selbstgemachten Sitzgelegenheit Platz nimmt, ist in der Stube seines Elternhauses gross. Ein Hocker und drei Sessel aus seiner Lehrzeit stehen nämlich dort.

Diese Woche absolviert Aaron Sturzenegger seine letzte Lehrabschlussprüfung. Wohin die Reise im Erfolgsfall gehen soll, weiss der sympathische Oftringer bereits: «Am liebsten würde ich hier im Betrieb bleiben. Ich bin zufrieden hier, weil mir die abwechslungsreiche Arbeit gefällt. Manuel Arnold