Ihre Arbeit ist seit zehn Jahren «choschtbar»
Zofingen Die «ChoschtBar» feiert am 1. April ihren 10. Geburtstag
Was vor einem Jahrzehnt als Food-Waste-Projekt begann, ist heute ausserdem eines der wichtigsten gemeinnützigen Engagements im Bezirk Zofingen. Die ChoschtBar rettet pro Woche mehr als eine Tonne Lebensmittel und verteilt sie gratis an die Bevölkerung.
Nur einen Steinwurf entfernt von der Altstadt, und doch etwas versteckt hinter einem Kebapstand, steht an der Bifangstrasse 1 das Zofinger Vorzeigeprojekt im Kampf gegen Lebensmittelverschwendung (englisch: Food Waste). Vorstandsmitglied Alexandra Fischer zeigt die spartanisch eingerichteten Räumlichkeiten, wo pro Woche rund eineinhalb Tonnen Lebensmittel gratis abgegeben werden. «Vom Sozialhilfebezüger bis zum Manager ist bei uns jeder willkommen», sagt Fischer. 2025 machten die Mitglieder 1663 Abholtouren und fuhren 7847 Autokilometer. 363 Tage im Jahr, nur der 26. Dezember und der 2. Januar sind ausgenommen, gibt es eine Essensausgabe. Ein riesiges Engagement, wenn man bedenkt, dass die 38 Vereinsmitglieder allesamt ehrenamtlich arbeiten und sogar die Fahrspesen selbst tragen. Viele Personen nutzen unter der Woche täglich das Angebot, um Backwaren, Früchte, Gemüse, Getränke und Non-Food-Artikel abzuholen. Am Samstag sind es bis zu 100 Personen.
Es klopft an der Türe des Holzschuppens. Susanne Young steht davor, zieht den Anhänger – der heuer ebenfalls sein 10-Jahr-Jubiläum feiert – ins Innere und legt die an diesem Abend bei der Bäckerei Leutwyler und dem Bio-Laden Portanatura abgeholten Waren in Kisten auf die Auslage: Brote, Thon-Canapés, Berliner, Erdbeer-Törtchen, eine Mango, eine Kiwi und eine halbe Süsskartoffel konnte sie an diesem Abend vor dem Abfalleimer retten. Es dauert nicht lange, bis sich draussen Stimmen mehren. Nummern auf laminierten Blättern wandern in die Hände wartender Menschen. So wird geregelt, wer wann reinkommen darf, um seine Tasche zu füllen.
Frauen mit grauen Haaren, Männer mit kleinen Kindern, Schweizer, Ausländer, Gross und Klein kommen nach und nach zur Gratisabholung. Eine ältere Kundin holt nebst den Lebensmitteln für sich auch Gemüseabfälle für ihre Hühner ab. Als Dank revanchiert sie sich jeweils mit Eiern für die Helfenden. «Die überwältigende Mehrheit ist sehr dankbar und schätzt unser Angebot sehr», sagt Alexandra Fischer. Schwarze Schäfchen gebe es vereinzelt auch – etwa solche, die sich die Taschen bis zum Rand vollstopfen wollen, ausfällig werden, wenn sie nicht das bekommen, was sie wollen. In einem Extremfall spuckte eine Frau aus Wut sogar in die Lebensmittel-Kisten. In solchen Fällen sprechen die Verantwortlichen auch schon mal ein Hausverbot aus.
Sich nicht entmutigen lassen
In ihrer zehnjährigen Geschichte hatte die ChoschtBar einige Male mit Vandalismus zu kämpfen: Aufgebrochene Schränke und Schlösser, gestohlene Blachen und Besen. Einmal holten Langfinger sogar ein ganzes Palett Fruchtsäfte ab. Entmutigen liessen sich die Verantwortlichen von solchen Vorfällen nicht, aber sie wehrten sich: 2024 bauten Lehrlinge der Vanoli AG einen abgeschlossenen Bereich und fertigten Tische für die Auslage an. Auch sonst ist der Verein auf Sponsoren angewiesen: Die Stadt Zofingen verzichtet auf eine Mietforderung, es gibt einen Stromsponsor, einen Kühlschrank- und Waschtischsponsor. Einen Wasseranschluss gibt es erst seit 2024.
Zwischen Scham und Gier
Was an diesem Abend keine direkten Abnehmer findet, wandert in die frei zugänglichen Schränke im Aussenbereich. «Es gibt solche, die warten, bis wir weg sind, und holen erst dann Lebensmittel ab. Sei es aus Scham, oder auch, weil sie einen Nachschlag wollen», weiss Susanne Young.
Die ChoschtBar ist inzwischen so stark gewachsen, dass sie sich nicht nur auf die Essensausgabe konzentriert. Schulen, Kitas, Lager, Mittagstische und andere soziale Institutionen gehören zu den Abnehmern der Waren, die unter anderen von diversen lokalen Geschäften, aber auch von einem grossen Verteilzentrum, dem Aldi Rothrist und dem Lidl Reiden stammen.
Dann stösst Mirjam Hofer dazu, mit der Alexandra Fischer den Vorstand führt. Wer eine Tour pro Monat macht, gilt als Vereinsmitglied. Und wenn eine organisierte Tour vergessen geht, springen die beiden Vorstandsmitglieder abwechselnd ein. «Ich habe sogar schon aus den Ferien in Hurghada eine Tour organisiert», sagt Hofer. «Wir sind unglaublich dankbar, dass wir auf so viele helfende Hände zählen dürfen, die spontan und motiviert im Einsatz stehen. Nur dank dem flexiblen Einsatz vieler Freiwilliger kann die ChoschtBar überhaupt funktionieren.»
Im Gasthof zum goldenen Ochsen in der Altstadt treffen die beiden an diesem Abend vier der fünf Gründungsmitglieder der ChoschtBar. Viviane Hösli, Claudio Furrer, Ana Laciak, Armin Plüss und Daniel Hölzle liessen sich 2016 von der Restessbar in Olten inspirieren. «Uns ging es damals vor allem um Food Waste, nicht primär um den gemeinnützigen Aspekt», sagt Armin Plüss. «Wir hätten uns nie erträumen lassen, dass dieses Projekt einmal so gross wird», ergänzt Ana Laciak, sichtlich gerührt.
«Schön wäre, wenn es die ChoschtBar gar nicht mehr bräuchte, weil es auf der Welt keinen Food Waste mehr gibt, aber das ist natürlich utopisch», so Plüss. «Das grosse Problem ist das Mindesthaltbarkeitsdatum. Viele wissen nicht, dass die meisten Produkte weit darüber hinaus geniessbar bleiben. Andere Länder sind uns da voraus und haben diese irreführende Bezeichnung abgeschafft», sagt Furrer, und Viviane Hösli ergänzt bei der entbrannten Food-Waste-Diskussion: «Die Leute haben verlernt, mit der Nase und den Augen zu prüfen, ob ein Produkt noch essbar ist. Schade finde ich auch, dass die Kinder in der Kochschule zu sehr nach Rezept kochen, anstatt zu lernen, aus den vorrätigen Produkten aus dem Kühlschrank spontan ein Essen zu zaubern.»
ChoschtBar braucht ein neues Zuhause
Die meisten der Gründungsmitglieder verliessen den Verein früh, und zeigten sich an diesem Abend überrascht und stolz zugleich, wie gross und erfolgreich ihr «Baby» geworden ist. In der Zukunft ist der Verein aber mit einer grossen Herausforderung konfrontiert. Das Gebäude an der Bifangstrasse soll abgerissen werden. «Eine Wohnbaugenossenschaft will hier erschwinglichen Wohnraum schaffen, was eigentlich eine coole Sache ist. Für uns bedeutet das aber, dass wir eine neue Lokalität brauchen», erklärt Mirjam Hofer. Das neue Zuhause für die ChoschtBar sollte in Zofingen stehen, mindestens 100 Quadratmeter gross sein, einen Wasser- und Stromanschluss sowie ein WC haben und mit einem Palettrolli zugänglich sein.
Geburtstagsfest für die Bevölkerung
Am Mittwoch, 1. April, feiert die ChoschtBar im Kulturzentrum Oxil ihren 10. Geburtstag. Für alle Vereinsmitglieder gab es dank einer grosszügigen Spende bereits jetzt ein Geschenk. Eine Arbeitsschürze mit dem Vereinslogo. Alle Interessierten sind ab 17.30 Uhr eingeladen, mitzufeiern. Es gibt eine Festrede, ein Konzert der Gartenband und der Sofafischer. Ron Dideldum und ein Smoothie-Velo sind da, ebenso ein Infostand über Food Waste. Was es zur Verpflegung geben wird, steht noch nicht fest, weil sie, wie praktisch alles in diesem hoch engagierten Verein, auf Spenden basiert. Manuel Arnold





