Improvisierte Denkmäler für den «Storchenvater»
Brittnau Das Unverständnis im Dorf ist nach wie vor gross
Der Storch gehört zu Brittnau, wie der Bär zur Stadt Bern. Weitherum ist die Gemeinde als «Storchendorf» bekannt. Die lokale Bäckerei-Konditorei verkauft eine als «Storcheneier» bekannte Süssigkeit und auch die Jungschar ist nach dem Tier benannt.
Der Kanton hat Peter Hartmann kürzlich an einer Sitzung klar gemacht, dass es seine Tätigkeit nicht mehr braucht. Für die Aufzucht von Jungen, Pflege von verletzten oder das Erlösen von kranken oder verletzten Störchen seien verschiedene Bewilligungen beziehungsweise Ausbildungen nötig, hiess es auf Anfrage dieser Zeitung. Peter Hartmann verfüge über keine dieser Bewilligungen.
Im Gespräch mit dem ZT möchte Peter Hartmann einiges klarstellen. Er betont, dass ihm 1987, als die Gemeinde jemanden suchte, um die Störche zu betreuen, niemand sagte, dass er dafür eine Bewilligung oder Ausbildung braucht. «Selbstverständlich hätte ich einen solchen Kurs absolviert», sagt er. Das Wissen habe er sich in der Literatur und in der Natur angeeignet. Ihm ist zudem schleierhaft, warum sich der Kanton in den letzten fast 40 Jahren nie bei ihm gemeldet hat und das Ganze erst jetzt ein Thema ist. Dazu heisst es auf Anfrage: «Die kantonale Fachstelle wurde von einer Hausverwaltung bezüglich Entfernung eines Storchenhorstes vom Hausdach kontaktiert», teilt Erwin Osterwalder, Fachspezialist Koordination Jagd beim Kanton, mit. «Im Zuge der Beratung haben wir auf die dafür nötige kantonale Bewilligung hingewiesen. Damit kam das Ganze ins Rollen.» Peter Hartmann weist zudem von sich, dass er die Störche beim Brüten gestört hat. Die Erhebung habe er mithilfe eines Feldstechers oder mit einer Drohne gemacht.
«Es sind auch schon Horste heruntergefallen»
Die Kontrolle der Horste erachtet Peter Hartmann als unerlässlich. «Es sind auch schon Horste heruntergefallen», sagt er. Für eine periodische Kontrolle werde eine Vereinbarung mit der Jagdgesellschaft oder einem örtlichen Vogelschutzverein angestrebt, liess der Kanton verlauten. Die Brittnauer Jagdaufseherin Katharina Bertschinger will sich nicht öffentlich äussern. Und Präsident des Brittnauer Natur- und Vogelschutzvereins ist: Peter Hartmann.
Erwin Osterwalder hält grundsätzlich fest, dass für den Horst auf dem Hausdach der Hauseigentümer verantwortlich ist. «Da der Weissstorch und sein Nest aber streng geschützt sind, bedürfen Eingriffe an diesem einer kantonalen Bewilligung.»
Im Dorf, in der ganzen Region, versteht man den Aufruhr nicht. Peter Hartmann hat viele Rückmeldungen erhalten, vor allem auch aufmunternde. Im Dorf von Brittnau hat man Peter Hartmann bereits zwei «Storchen-Denkmäler» gesetzt.
Das vermag den Schmerz von Peter Hartmann etwas zu lindern. «Fast 40 Jahre habe ich mich um die Störche gekümmert, von diesen Erinnerungen lebe ich nun», sagt er. «Und mehr wert als der Dank des Kantons sind mir die glänzenden Augen von wohl über tausend Kindern, denen ich den Storch näherbringen konnte.» Er sei jenen dankbar, die ihn während all den Jahren unterstützt hätten.
Gemeinderätin: «Gemeinde hat damit nichts zu tun»
Seitens Gemeinde will man Peter Hartmann für dessen «grosse Arbeit» noch speziell verdanken, sagt die zuständige Gemeinderätin Yvonne Gerhard. Hartmann habe sich immens für den Storch eingesetzt. Sie war an der Sitzung dabei, an der Peter Hartmann dazu aufgefordert wurde, «jegliche Pflege im Umgang mit den Störchen zu unterlassen». Gerhard betont: «Die Gemeinde hat mit der Absetzung des Storchenvaters nichts zu tun.» Sie hat einige Rückmeldungen aus der Bevölkerung erhalten. Ausnahmslos habe Unverständnis geherrscht, vor allem auch aufgrund der fehlenden Wertschätzung seitens Kantons für den jahrelangen Einsatz von Peter Hartmann.
Gerhard zeigt sich vor allem auch erstaunt darob, dass der Kanton scheinbar «keine Kenntnisse über die jahrzehntelange Wiederansiedlung des Storches in Brittnau hatte». Die Gemeinderätin führt aus, dass die Störche auch in Zukunft eine grosse Bedeutung für das Dorf Brittnau haben werden. «Sie sind in Brittnau gut angesiedelt. Das ist sicher durch die jahrelange Arbeit von Peter Hartmann positiv beeinflusst worden.» Janine Müller



