In Küngoldingen geben zwei Brüder Fischen ein zweites Leben

Oftringen Elias Sigrist und Andrin Müller betreiben eine Auffangstation für Aquarienfische

Die Brüder Elias Sigrist (links) und Andrin Müller sind die Gründer von Aqualuz. Im Hintergrund ist der Kugelfisch zu sehen, der eben sein Futter geschnappt hat.Bild: Thomas Fürst

Die Brüder Elias Sigrist (links) und Andrin Müller sind die Gründer von Aqualuz. Im Hintergrund ist der Kugelfisch zu sehen, der eben sein Futter geschnappt hat.Bild: Thomas Fürst

Im riesigen Becken sind Prachtschmerlen, Torpedobarben und Haibarben vergesellschaftet.

Im riesigen Becken sind Prachtschmerlen, Torpedobarben und Haibarben vergesellschaftet.

Ein stimmiger Name: Antennenrochen.Bilder: Thomas Fürst

Ein stimmiger Name: Antennenrochen.Bilder: Thomas Fürst

In Küngoldingen geben zwei Brüder Fischen ein zweites Leben

Zierfische gehören zu den beliebtesten Haustieren in der Schweiz. Sie artgerecht zu halten, braucht viel Zeit und Wissen. Nicht wenige Halter sind damit überfordert. Damit die stummen Mitbewohner nicht einfach entsorgt werden, betreiben Elias Sigrist und Andrin Müller in Küngoldingen eine Auffangstation für Aquarienfische. Es ist die einzige derartige Einrichtung in der Schweiz.

Purpurprachtbuntbarsch, Prinzessin von Burundi, Knurrender Dornwels, Fliederbartwels, Molly, Guppy, Streifenschmerle, Pinselalgenfresser, Saugschmerle, siamesische Rüsselbartbarbe, Brokatbarbe, Zwerggarnele, Rennschnecke, Flösselhecht, Asselkugel-fisch oder Zwergkrallenfrosch. Eine klangvolle und grosse Auswahl. Allesamt Zierfische, die der Verein Aqualuz entgegengenommen hat und an verantwortungsbewusste Halterinnen und Halter abgeben möchte. «Wir betreiben hier in Küngoldingen die einzige Auffangstation für Süsswasser-Aquarienfische in der Schweiz», erklärt deren Gründer und Stationsleiter Elias Sigrist in einem unscheinbaren Haus an der Gilamstrasse. Doch hinter dem ebenso unscheinbaren Eingang pulsiert das Leben. Aquarium reiht sich an Aquarium. Aktuell sind rund 180 Aquarien in Betrieb. In allen Grössen: Die kleinsten fassen etwa 100 Liter, das grösste 5000 Liter Wasser. In den Aquarien tummeln sich momentan etwa 5000 Fische. Abgegeben von Leuten, die ihre Zierfische nicht mehr halten können oder mögen. Und das sind nicht wenige. «Seit der Gründung von Aqualuz 2019 sind wir stetig gewachsen», betont Elias Sigrist. Zwischen 25’000 und 30’000 Süsswasser-Zierfische jährlich oder rund 500 wöchentlich würden in Küngoldingen eine zweite Chance erhalten, führt der 30-jährige Stationsleiter der Auffangstation weiter aus. Dort werden sie zuerst eine Woche in Quarantäne gehalten, damit «wir die Gewissheit haben, dass sie wirklich gesund sind», wie Sigrist betont. Und dann versucht der Verein Aqualuz, die Wasserbewohner weiterzuvermitteln. Über die Hälfte der Fische können später an verantwortungsbewusste Halterinnen und Halter weitervermittelt werden, während Fische, die grösser werden oder schwierig zu halten sind, den Rest ihres Lebens in den Schaubecken in Küngoldingen verbringen.

Fische statt Ritalin

Begonnen hat alles ganz anders. Als Kind war Elias Müller, der seit seiner Hochzeit den Namen seiner Frau trägt, ein hyperaktives Kind. Die Diagnose ADHS habe er offiziell zwar nie erhalten, führt Sigrist aus. «Fische statt Ritalin» sei das Rezept seiner Eltern gegen seine Rastlosigkeit gewesen. Ein Rezept, das erstaunlich gut wirkte. Gleichzeitig tat sich vor den Kinderaugen eine ganz neue Welt auf. Der junge Elias konnte seine Fische stundenlang beobachten, kam vor dem Aquarium zur Ruhe. Las Bücher, sog alle Informationen über Fische auf. Begann Fische zu züchten. Und erhielt mit der Zeit immer mehr Anfragen, ob der diese oder jene Fische bei sich aufnehmen könne.

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Falsche Beratung, fehlendes Wissen

Ihm wurde bald klar, dass sich hinter diesen Anfragen eine riesige Problematik verbarg. «Oft werden Fische von Leuten gekauft, denen jedes grundlegende Wissen über Fische fehlt», beklagt Elias Sigrist, der Fisch werde allenfalls als Handelsware oder gar als Dekoartikel angesehen. Dabei seien Fische empfindsame Tiere, die genügend Platz in artgerecht ausgestalteten Aquarien brauchen würden, in der richtigen Vergesellschaftung gehalten werden sollten und auf passende Wasserwerte angewiesen seien. Auf einen kurzen Nenner gebracht: Wer Fische hält, braucht viel Zeit und Wissen. Und Einfühlungsvermögen und Beobachtungsgabe, wie Sigrist weiter ausführt: «Weil Fische stumm leiden, wenn es ihnen nicht gut geht». Vor einem 5000 Liter Wasser fassenden Becken, in dem Prachtschmerlen, Torpedobarben und Haibarben vergesellschaftet sind, führt Elias Sigrist aus, was zum Beispiel falsch läuft. «Die Prachtschmerle ist einer meiner Lieblingsfische», erklärt er. Meist würden sie von Leuten hierher gebracht, die sie als kleine Fische gekauft haben und nicht wussten, wie gross sie werden. Gehalten würden sie meist in einem 200 Liter-Becken. «Setzen wir sie dann in unserem Becken aus, sieht man sie die erste halbe Stunde kaum mehr», führt der Stationsleiter aus, «weil sie dann wieder einmal richtig schwimmen wollen».

Auffangstation 2019 gegründet

Aus Liebe zu den Fischen gründete Elias Sigrist zusammen mit seinem Bruder Andrin Müller 2019 – damals noch im luzernischen Sursee – die Auffangstation für Aquarienfische. Der Start erfolgte mit 50 Becken. «Wir haben bald gemerkt, dass schweizweit ein riesiges Interesse an unserer Auffangstation besteht», sagt er. Dank ihrem Engagement, das von einem freiwillig tätigen, zwölfköpfigen Helferteam unterstützt wird, konnten und können die beiden Brüder unzählige Fische vor dem Tod bewahren. Oder vor dem Aussetzen in Flüssen und Bächen. «Was ebenfalls sehr problematisch ist, da die ortsfremden Fische qualvoll sterben», wie Elias Sigrist betont. So fand etwa der Sonnenbarsch den Weg in die Schweizer Gewässer. Er gilt heute als invasive Art, die einheimische Arten vertreiben und wegen ihrer starken Vermehrung und Gefrässigkeit ganze Ökosysteme gefährden kann.

Weil die Mietsituation im Surseer Industriegebiet mit gewissen Unsicherheiten behaftet war, schaute sich Siegrist nach einem alternativen Standort um, den er schliesslich an der Gilamstrasse in Oftringen fand. Im Mai 2024 erfolgte der Umzug nach Küngoldingen. «Ein logistischer und finanzieller Kraftakt für den Verein», wie er betont. Womit die Finanzen angesprochen sind. Wie kann sich der Verein überhaupt über Wasser halten? «Wir finanzieren aus hauptsächlich aus dem Verkauf von Fischen und von Aquarien, die wir entgegennehmen oder gegen Verrechnung unserer Unkosten auch direkt abholen», führt Sigrist aus. Zudem unterstützt der Schweizerische Tierschutz (STS) die Auffangstation mit einem jährlichen Beitrag. Last but not least nimmt Aqualuz gerne auch Spenden für seine Arbeit entgegen. «Aber reich werden wir ganz sicher nicht dabei», betont Elias Sigrist, der übrigens sein Pensum als Sekundarlehrer zu Gunsten seines Einsatzes für die Fische stark reduziert hat.

Thomas Fürst