Lieber auf Sex verzichten statt aufs Handy?

Vordemwald Anitra Eggler gab im Sennhof Impulse zur Digitaltherapie

Sennhof-Geschäftsführer Urs Schenker und Stefanie Suter (Fachleiterin Marketing / Kommunikation, rechts) überreichten Anitra Eggler ein kleines Geschenk für ihren tollen Vortrag.

Sennhof-Geschäftsführer Urs Schenker und Stefanie Suter (Fachleiterin Marketing / Kommunikation, rechts) überreichten Anitra Eggler ein kleines Geschenk für ihren tollen Vortrag.

Von der Digitalpionierin zur kritischen Tech-Enthusiastin: Anitra Eggler sprach im Sennhof Klartext.Bilder: Thomas Fürst

Von der Digitalpionierin zur kritischen Tech-Enthusiastin: Anitra Eggler sprach im Sennhof Klartext.Bilder: Thomas Fürst

«Es gibt gute Neuigkeiten – Sie können jetzt im Digitalbereich leicht Geld verdienen», versprach Anitra Eggler dem gegen 100-köpfigem Publikum im Sennhof gleich zu Beginn ihres Vortrags. Und liess dann ein Video über den Bildschirm flimmern. «Guiding Hands», also «helfende Hände», führten aufs Handy starrende Menschen sicher durch die Strassen, stiessen die Kinderschaukel für aufs Handy glotzende Väter auf dem Spielplatz an – und liebten sich im Bett gleich noch stellvertretend zwischen aufs Handy fixierten Ehepartnern … Nach diesem humorvollen Einstieg hatte die in Kriens lebende, 52-jährige deutsche Journalistin und Bestseller-Autorin das Publikum rasch für sich gewonnen. Und kam dann ebenso rasch zur Sache. «Handy, wir müssen reden» – so das Thema ihres Vortrags.

80 Prozent wünschen sich weniger Handyzeit

Digital spart Zeit. Und digital macht produktiver. Das seien die beiden grossen Versprechen der Digitalisierung gewesen, blickte Eggler auf die Anfänge des grossen Datenbusiness zurück. Beides stimme nur bedingt, rechnete sie vor. Durchschnittlich verbringe ein Büroangestellter rund 10 Stunden seiner täglichen Wachzeit von 16 Stunden vor dem Bildschirm. «10 Stunden – das tönt jetzt noch nicht so dramatisch», meinte Eggler weiter. Doch rechne man das aufs Jahr um, so ergeben sich 228 Tage Bildschirmzeit. «Und dann gibt es noch das schwarze Loch der Bildschirmzeit», führte sie weiter aus, «die Zeit, in der es ständig pling macht und wir abgelenkt werden». 220 Mal pro Arbeitstag wird der Mensch am Bildschirm unterbrochen, das sagt die neueste Studie von Microsoft aus.

Noch schlimmer findet Eggler das Insta-Scrolling: «Hier kriegst du einen Dopaminschuss nach dem anderen ins Hirn geklatscht». Um dann gleich auch klarzustellen, dass Handysucht kein Teenager-Problem sei. Sondern ein Geschäftsmodell mit Milliarden erwachsenen Stammkundinnen und -kunden. Ein problematisches Geschäftsmodell: «Handys haben uns unseren Fokus und unsere Aufmerksamkeit geraubt». Zahlen gefällig? Eine Studie von 2021 hat nachgewiesen, dass 56 % der Österreicherinnen und Österreicher lieber auf Sex als auf ihr Handy verzichten würden. Zwei weitere Studien aus dem deutschsprachigen Raum aus den Jahren 2024 und 2025 kommen übereinstimmend zum Ergebnis, dass sich 80 Prozent der Menschen weniger Handyzeit wünschen würden.

Handy-Gefängnis oder helfende Apps

Was hilft? Nach 30 Jahren im Digitalbusiness war Anitra Eggler nicht um Tipps verlegen. «Versuchen Sie, sich von der Angst, etwas zu verpassen, zu lösen», meinte sie und freuen Sie sich im Gegenteil darüber, «Zeug zu verpassen, das Sie nicht weiterbringt». Weiter plädierte sie dafür, das Handy über Nacht wegzusperren und tagsüber handyfreie Zonen zu schaffen. «Im Schlafzimmer, am Ess- und Arbeitstisch sowie auf dem WC ist das Handy tabu», forderte sie. Daneben gebe es auch hilfreiche Apps wie «One Sec», welche süchtig machende Apps und Websites verzögert und unterbricht, oder «Zenbox», die dabei hilft, die Bildschirmzeit zu reduzieren und Ablenkungen durch das Smartphone gezielt zu unterbrechen.

Beim anschliessenden Apéro hatten sich die Gäste die Anregungen der Referentin offensichtlich zu Herzen genommen. Bei intensiven Diskussionen nutzten nur wenige die Möglichkeit, schnell mal ihre Mails zu checken. Thomas Fürst