Literaturtage Zofingen feiern die Vielfalt Tschechiens

Zofingen Literaturtage Zofingen im Rathaus und dem Kulturhaus West

Zum sechsten Mal wirkt Julia Knapp an den Literaturtagen Zofingen als Programmleiterin.Bild: Manuel Arnold

Zum sechsten Mal wirkt Julia Knapp an den Literaturtagen Zofingen als Programmleiterin.Bild: Manuel Arnold

Den Spass an der gemeinsamen Lektüre pflegen die Literaturtage in Zofingen.Bild: Melanie Hadam

Den Spass an der gemeinsamen Lektüre pflegen die Literaturtage in Zofingen.Bild: Melanie Hadam

Diese fünf literarischen Werke stehen im Fokus der diesjährigen Literaturtage.Bild: Manuel Arnold

Diese fünf literarischen Werke stehen im Fokus der diesjährigen Literaturtage.Bild: Manuel Arnold

Vom 16. bis 18. Oktober verwandelt sich Zofingen wieder in einen Treffpunkt für Buchliebhaberinnen und Buchliebhaber. Die 18. Ausgabe der Literaturtage setzt den Fokus in diesem Jahr auf Tschechien.

Mit dem Slogan «Ein Land an der Küste» präsentiert sich Tschechien diese Woche als Ehrengast an der Frankfurter Buchmesse und eine Woche später an den Literaturtagen in Zofingen. Ein kurzer Blick auf die Landkarte verrät natürlich: Das mitteleuropäische Binnenland hat keinen Meeranschluss. Die in Anlehnung an William Shakespeares «Wintermärchen» entstandene Metapher drückt aber genau jene erfrischend neue Weltsicht aus, welche die Literatur zu vermitteln mag. «Literatur lädt ein, die Grenzen im Kopf zu überwinden. Ein Land dichtet sich eine Küste. Das ist in der Literatur möglich», sagt Julia Knapp, Programmleiterin der Literaturtage Zofingen.

Tschechien hat literarisch weit mehr zu bieten als das Erbe von Franz Kafka und Milan Kundera. Es dominiere nicht nur eine literarische Sprache, vielmehr eröffne sich den interessierten Lesenden eine sehr diverse Welt, sagt Julia Knapp. Eine Welt, die für viele Westeuropäer dennoch oft verborgen bleibt. «Prag liegt näher an Zofingen als Rom. Aber auch über 30 Jahre nach der Wiedervereinigung herrscht nach wie vor eine gewisse Distanz zwischen der Schweiz und dem osteuropäischen Land.»

Dabei sind die beiden Länder historisch eng verbunden. Während des Prager Frühlings 1968 nahm die Schweiz 14'000 Tschechinnen und Tschechen auf, mehr als jedes andere Land auf der Welt. Das 11 Millionen Einwohner starke Land war bereits 1938 zum Spielball der Grossmächte geworden, als es das Sudetenland an Deutschland abtreten musste. Die historische Traglast der Geschehnisse drückt bis in die heutige tschechische Literatur durch. Viele Autorinnen und Autoren setzen sich mit dem Zweiten Weltkrieg auseinander. Die Figur des Schreibenden wird als moralische Instanz gestaltet. Die Literatur macht auf Missstände aufmerksam, und ist oft eng mit den politischen Begebenheiten verbunden.

Auf die Frage, warum die Literaturtage Zofingen in der Kulturlandschaft unverzichtbar sind, antwortet Julia Knapp: «Weil es gerade in Zeiten von nationalistischen Parolen wichtig ist, über den Tellerrand zu schauen. Jedes Mal, wenn ich ein Buch lese, sehe ich die Welt anders. Literatur ist die Schule der Menschlichkeit. Wir sind alle miteinander verbunden. Überdies ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass echte Begegnungen und der Spass am Beisammensein nicht im Internet, sondern in physischen Räumen stattfinden.»

Vielfalt tschechischer Literatur erleben

80’000 Bücher erscheinen pro Jahr im deutschsprachigen Raum. 13’000 Novitäten sind es jährlich in Tschechien, dem Land, das mit 11’000 Einrichtungen die weltweit höchste Dichte an Bibliotheken aufweist. Wer sich an den Literaturtagen Zofingen ein Bild der vielfältigen tschechischen Literatur machen möchte, braucht keine Vorkenntnisse. Referenten wie Ondřej Cikán geben eine literarische Tour d’Horizon durch ihr Heimatland und präsentieren den Interessierten die vielfältige Welt tschechischer Prosa. Im weiteren Verlauf präsentieren die Autorin Klára Vlasáková mit ihrem Werk «Kugel» sowie Alice Horáčková mit «Geteiltes Haus» wichtige gesellschaftliche Krisen und deren Auswirkungen auf die Menschen. Diese drei Protagonisten – Ondřej Cikán, Klára Vlasáková und Alice Horáčková – diskutieren anschliessend gemeinsam über das Thema «Die Erfindung des Ostens».

Ein weiteres literarisches Highlight stammt aus der Feder von Petr Hanel, der mit seinem in Tschechien gefeierten Young-Adult-Roman «Du weisst nen Schei* über Sterne» begeistert. Lucie Faulerová widmet sich in ihrem Roman «Ich habe den Tod gerettet» den Themen Trauer und Schuld, wobei sie im Anschluss zusammen mit Petr Hanel über prägende Rollenbilder spricht. Gegen Ende des Festivals stellt die preisgekrönte Autorin Radka Denemarková ihr Werk «Schokoladenblut» vor, in dem die Lebenswege dreier aussergewöhnlicher Persönlichkeiten im Mittelpunkt stehen: der historischen Schriftstellerin Božena Němcová, der französischen Autorin George Sand sowie dem Industriellen J.D. Rockefeller.

Renommierte deutsche Stimmen bringen die Werke tschechischer Autorinnen und Autoren näher. Für die hiesigen Textinterpretationen und Lesungen sorgen unter anderem Yvonne Oesch von der kleinen Bühne Zofingen, Ariela und Thomas Sarbacher, die den Worten tschechischer Schreibender auf Schweizer Bühnen eine prägnante Stimme geben.

Den musikalischen Glanzpunkt der Literaturtage setzt am Samstagabend im Kulturhaus West Jan Řepka. Der tschechische Liedermacher beschäftigt sich seit 2010 intensiv mit den Liedern von Mani Matter. Die Hörenden können so Songs neu entdecken, die sie eigentlich schon lange kennen. Gerade dieses Wechselspiel aus Vertrautem und Neuem macht den Reiz aus und sorgt für überraschende Hörerlebnisse.

Jedes Jahr ein leeres Blatt

Das Alleinstellungsmerkmal der Literaturtage Zofingen liegt darin, jedes Jahr das Gastland der Frankfurter Buchmesse zu porträtieren, den Besucherinnen und Besuchern fein kuratierte Werke zu präsentieren. Es bedeutet aber auch, jedes Jahr von Null anzufangen. Tabula rasa, vor jedem neuen Festival. «Wenn das Blatt jedes Jahr leer ist, kommt aber auch jedes Jahr etwas anderes drauf», sagt Julia Knapp.

Die gebürtige Heilbronnerin amtet bereits zum sechsten Mal als Programmleiterin der Literaturtage. Das Mitglied der Literaturkommission der Stadt Zürich hat seine gesamte berufliche Laufbahn der Literatur gewidmet. Umso mehr freut es sie, dass sich das Lesen von Büchern aktuell einer steigenden Beliebtheit erfreut: «Wir als Branche können dem lieben Gott auf Knien dafür danken, dass gerade junge Menschen wieder vermehrt zu Büchern greifen. Menschen lieben Geschichten – und lassen sich gerne Geschichten erzählen. Deshalb glaube und hoffe ich, dass das Buch immer einen Platz in den Händen der Menschen haben wird.» Manuel Arnold