Seit 25 Jahren schreibt er Rothrists Geschichte mit

Rothrist Stefan Jung (56) blickt auf seine 25-jährige Tätigkeit als Gemeindeschreiber zurück

Die letzten 25 Jahre schrieb Stefan Jung die Geschichte der Gemeinde Rothrist aktiv mit.Bild: Manuel Arnold

Die letzten 25 Jahre schrieb Stefan Jung die Geschichte der Gemeinde Rothrist aktiv mit.Bild: Manuel Arnold

«Wir wollen den persönlichen Kontakt zu den Bürgerinnen und Bürgern nicht verlieren. Es ist wichtig, dass sie an den Schalter kommen und uns 1:1 Fragen stellen können», sagt Stefan Jung.Bild: Manuel Arnold

«Wir wollen den persönlichen Kontakt zu den Bürgerinnen und Bürgern nicht verlieren. Es ist wichtig, dass sie an den Schalter kommen und uns 1:1 Fragen stellen können», sagt Stefan Jung.Bild: Manuel Arnold

Stefan Jung (Bildmitte) stiess am Neujahrsapéro 2001 mit seiner Frau Sandra, dem einjährigen Sohn Yannick und Gemeinderat Hans Jürg Koch auf seine neue Stelle als Rothrister Gemeindeschreiber an. Bild: Archiv Wiggertaler

Stefan Jung (Bildmitte) stiess am Neujahrsapéro 2001 mit seiner Frau Sandra, dem einjährigen Sohn Yannick und Gemeinderat Hans Jürg Koch auf seine neue Stelle als Rothrister Gemeindeschreiber an. Bild: Archiv Wiggertaler

Seit 25 Jahren ist Stefan Jung Rothrists Gemeindeschreiber. Im Gespräch mit dieser Zeitung erzählt er, wie sich das Leben in der Gemeinde verändert hat, warum ihm der persönliche Kontakt zu den Bürgerinnen und Bürgern so wichtig ist und wie er den digitalen Wandel mit Bedacht gestaltet.

Es war das Jahr 2001. Rothrist hatte knapp 7000 Einwohner, und auf der Verwaltung trat der 31-jährige Stefan Jung die Nachfolge des langjährigen Gemeindeschreibers Erich Hofer an. Ein Vierteljahrhundert später kratzt Rothrist haarscharf an der 10’000-Einwohner-Grenze, während Stefan Jung sein 25-Jahr-Jubiläum als Gemeindeschreiber feiern darf. Und wer ihm im 1. Stock der Gemeindeverwaltung gratulieren will, braucht nicht zu klopfen, seine Tür steht allen offen. «Ich will meine Arbeit nicht im stillen Kämmerlein verrichten. Deshalb hat die offene Bürotür Symbolcharakter», so Jung.

Sein ganzes berufliches Leben hat Stefan Jung der Verwaltung verschrieben: Verwaltungslehre in Strengelbach, vier Jahre bei der Einwohnerkontrolle Aarburg, sieben Jahre Gemeindeschreiber in Sarmenstorf, 25 Jahre in Rothrist. Dass er Gemeindeschreiber wurde, war nicht von langer Hand geplant, sondern eher dem Zufall geschuldet. «Im Alter von 24 Jahren reiste ich für fünf Monate nach Australien. Um nach meiner Rückkehr nicht ohne Job dazustehen, bewarb ich mich auf diverse Stellen, darunter auch jene in Sarmenstorf. Einen Tag vor meiner Abreise unterschrieb ich den Vertrag», erklärt Jung. Das Gemeindeschreiber-Diplom hatte er da noch nicht, sprang quasi ins kalte Wasser, «und lernte dadurch sehr schnell schwimmen», wie er mit einem Schmunzeln sagt. 2001 tauschte er den Sarmenstorfer Schreibtisch gegen den Rothrister. «Die Herausforderung, die Gemeindeschreiberstelle in einer grösseren, aufstrebenden Gemeinde in der Region Zofingen zu übernehmen, reizte mich sehr. Ausserdem hatte Rothrist in meiner Wahrnehmung ein sehr gutes Image.»

Dorfcharakter bleibt erhalten

Kurz vor seinem Stellenantritt zog er mit seiner Frau und den Kindern nach Rothrist. Seither ist sein Arbeitsweg ein siebenminütiger Spaziergang. «Ich geniesse dieses Privileg, am Morgen durchs Dorf zur Arbeit zu gehen.» Das Wort «Dorf» wählt er dabei ganz bewusst, auch wenn sich Rothrist ab 10’000 Einwohnern bald als Stadt rühmen dürfte. «Rothrist ist und bleibt ein Dorf. Ein Ort, an dem sich die Menschen auf der Strasse erfreulicherweise noch grüssen», so Jung.

Während seiner 25-jährigen Amtszeit ist Rothrist stark gewachsen, dementsprechend gross waren die Auswirkungen auf die Infrastruktur, besonders im Schulbereich. Auch die Verkehrsbelastung im Dorf ist hoch. Mit der dereinstigen Inbetriebnahme der Wiggertalstrasse Abschnitt Nord dürfte es eine spürbare Entlastung geben. Verändert hat sich in all den Jahren auch die Geschwindigkeit im Arbeitsalltag: «Die Kadenz, mit der neue Projekte angestossen werden, hat stark zugenommen. Auch die Erwartungshaltung der Bevölkerung gegenüber Gemeinderat und Verwaltung ist gestiegen, aber das ist nicht nur in Rothrist so», erklärt Jung.

Dosierte Digitalisierung

1993 in Sarmenstorf war Stefan Jung noch mit Schreibmaschine und Fax ausgerüstet, E-Mails und Internet gab es noch nicht. Heute hat Rothrist eine elektronische Geschäftsverwaltung, die das Aktenmanagement wesentlich strukturiert und vereinfacht. In der Suchfunktion der Gemeinde-Website arbeitet ein KI-Chatbot. Blind will Rothrist die Digitalisierungswelle aber nicht reiten, das Kosten-Nutzen-Verhältnis für die Rothristerinnen und Rothrister müsse stimmen, sagt Jung. «Wir wollen den persönlichen Kontakt zu den Bürgerinnen und Bürgern nicht verlieren. Es ist wichtig, dass sie an den Schalter kommen und uns 1:1 Fragen stellen können. Gerade Ältere und solche, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind, schätzen diesen persönlichen Service sehr.»

Die Nähe zur Bevölkerung pflegt Stefan Jung seit jeher auch in seiner Freizeit. Denn, während einige seiner Berufskollegen strikt davon abraten, dort zu wohnen, wo man arbeitet, wurde Stefan Jung mit seiner Familie in Rothrist sesshaft; seine drei Kinder gingen hier zur Schule, sein jüngerer Sohn spielte lange beim FC Rothrist Fussball. «Viele Samstagnachmittage habe ich auf der Sportanlage Stampfi in diesem multikulturellen Umfeld verbracht», erklärt er.

Drehscheibe zwischen Verwaltung und Politik

Auf die Frage, wie er einem Kind erklären würde, was ein Gemeindeschreiber macht, antwortet der 56-Jährige: «Ich würde sagen, dass ich die Regierung der Gemeinde Rothrist unterstütze, und dass ich zusammen mit meinen Mitarbeitenden verschiedene Dienstleistungen für die Einwohnerinnen und Einwohner von Rothrist erbringe, vom Lösen einer ID bis hin zum Bauen von Schul- und Turnanlagen.» Für Erwachsene ergänzt er, dass ein Gemeindeschreiber die Drehscheibe zwischen Verwaltung und Politik sei. Obwohl er zur Verwaltung gehöre, nehme er auch mit beratender Funktion an Gemeinderatssitzungen teil. «Auch wenn ich an diesen Sitzungen kein Stimmrecht habe, kann ich meine Meinung einbringen und so mithelfen, die Gemeindeentwicklung zu gestalten.»

Sein Wissen brachte Stefan Jung in der Vergangenheit in verschiedenen kantonalen Fachgremien ein. So war er von 2012 bis 2018 Präsident des Verbands Aargauer Gemeindeschreiberinnen und Gemeindeschreiber sowie sechs Jahre Präsident der IPM GmbH, welche für die Aus- und Weiterbildungslehrgänge des Aargauer Verwaltungspersonals verantwortlich zeichnet.

Dienstjubiläum am anderen Ende der Welt

Die vielen schönen Begegnungen mit der Bevölkerung, die konstruktive Zusammenarbeit mit dem Gemeinderat sowie der gute Zusammenhalt innerhalb seiner Verwaltung sind alles Gründe, weshalb Stefan Jung auch nach 25 Jahren noch motiviert zur Arbeit geht. Von Amtsmüdigkeit ist beim passionierten Jogger und Rennvelofahrer nichts zu spüren. Und so kann er sich gut vorstellen, bis zu seiner Pensionierung im Amt zu bleiben. Trotzdem müssen die Rothristerinnen und Rothrister in diesem Jahr eine Weile auf ihren Gemeindeschreiber verzichten. Im Rahmen seines Dienstjubiläums reist er mit seiner Frau im Herbst für neun Wochen nach Australien. In jenes Land, das massgeblich daran beteiligt war, dass Stefan Jung vor über 30 Jahren seinen Beruf und schliesslich seine Berufung fand.Manuel Arnold

Seit 25 Jahren schreibt er Rothrists Geschichte mit