Storchenvater Peter Hartmann wurde seines Amtes enthoben
Brittnau Störche sind so früh wie noch nie nach Brittnau zurückgekehrt
Ein schönes Bild: Die Weissstörche kreisen wieder über Brittnau. Sie sind so früh wie noch nie aus ihren Winterquartieren zurückgekehrt. Keine schöne Neuigkeit: Storchenvater Peter Hartmann wurde – nach 39 Jahren – sang- und klanglos seines Amtes enthoben.
Wie immer – der erste Blick geht auch am Montag, 16. Februar, sofort hoch zum Schulhausdach. Noch vor der Begrüssung entschlüpft Peter Hartmann gleich auch ein erster Kommentar. «So ne dumme Cheib», sagt der Brittnauer Storchenvater kopfschüttelnd, «dort draussen kann der doch kein Nest bauen». Wenn das vielleicht etwas schroff tönt, gemeint ist es keinesfalls so. Denn im Leben des 78-jährigen Hartmann nehmen die Störche seit Jahrzehnten einen Ehrenplatz ein. 39 Jahre sind es mittlerweile, in denen sich Storchenbetreuer um das Wohl der Brittnauer Weissstörche kümmert. Zwei Tage später wird die Welt Hartmanns ziemlich aus den Fugen geraten. An einer morgendlichen Sitzung eröffnet ihm eine kantonale Fachspezialistin, dass es seine ehrenamtliche Arbeit ab sofort nicht mehr braucht. Doch dazu später mehr.
Erst 1967 wieder in Brittnau angesiedelt
Brittnau ohne Störche, heute ein kaum mehr vorstellbares Bild. Und doch: Es ist gar nicht so lange her, seit die Störche wieder in Brittnau angesiedelt wurden. Denn als Brutvogel war der Weissstorch um 1950 aus der Schweiz vollständig verschwunden, weil immer mehr Flüsse und Bäche verbaut und Feuchtgebiete trockengelegt wurden. Durch ein Wiederansiedlungsprojekt, das von Max Bloesch 1948 in der Storchensiedlung Altreu gestartet worden war, gelang 1960 die erste Brut in Altreu. In Brittnau wurde ebenfalls 1960 ein erstes Wiederansiedlungsprojekt gestartet. Damals wurde versucht, vier Jungstörche aus Algerien auf der alten Turnhalle anzusiedeln. Das Projekt misslang, ein zweites im Folgejahr ebenso.
Erst der dritte Versuch 1967 gelang. Die Jungstörche wurden in einem Gehege aufgezogen und erst nach Erlangung der Brutreife freigelassen. «Diese Störche kehrten in der Folge immer wieder nach Brittnau zurück», sagt Peter Hartmann. Aufzucht und Auswilderung – dieses Konzept wurde auch an weiteren Orten in der Schweiz umgesetzt. Bis 1995 auf internationaler Ebene beschlossen wurde, die Auswilderung von Störchen zu beenden und auf eine sich selbst erhaltende Population zu setzen. Der Storch sollte wieder zum Wildtier werden. Schon bald wurde diesem Leitsatz auch in Brittnau nachgelebt. «1997 war ich einer der ersten Storchenbetreuer in der Schweiz, der mit mit Fütterung der Störche aufgehört hatte», blickt Peter Hartmann nicht ohne Stolz zurück.
Storchenpopulation ist gewachsen
Dieses Umdenken hat der Storchenpopulation in der Schweiz nicht geschadet. Zwar wird der Weissstorch auf der Roten Liste nach wie vor als potentiell gefährdet eingestuft, obwohl das mit den in den 1950-er-Jahren eingeleiteten Wiederansiedlungsbestrebungen gesetzte Ziel von 300 Brutpaaren längst erreicht wurde. Die absoluten Zahlen verdeutlichen diese Entwicklung. Zählte man schweizweit 1960 das erste Brutpaar, waren es 1980 bereits 62 Paare. Zehn Jahre später brüteten bereits 153 Weissstorch-Paare in der Schweiz, 2000 waren es 175, 2010 269. Nach 2018 stieg die Zahl der Brutpaare exponentiell an: Von 615 (2018) über 887 (2022) auf 1229 (2025). Mit grösseren Schwankungen, doch in der Tendenz parallel stieg auch die Zahl der Jungstörche an. Sie erhöhte sich von 115 (1980) über 300 (1990), 316 (2000), 361 (2010), 1096 (2018) und 1776 (2022) zum bisherigen Rekordwert von 1945 Jungstörchen (2025).
Eine absolute Erfolgsgeschichte, die weiter anhalten wird? «Ich bin kein Prophet», meint Peter Hartmann schmunzelnd, die Natur werde die Antwort geben, wie die Entwicklung weiter verlaufen werde. Eigene Beobachtungen könnten aber darauf hindeuten, dass es auch einmal wieder in die andere Richtung gehen könnte, führt Hartmann weiter aus. So verweist er darauf, dass von den 111 im letzten Jahr in Brittnau geborenen Jungstörchen im Herbst nur 75 weggeflogen sind.
«36 sind eingegangen», sagt der Storchenvater, er habe feststellen müssen, dass viele der verendeten Jungstörche sehr leicht waren, obwohl es wettermässig ein gutes Jahr war. «Ist das Futterangebot in der Region für die vielen Störche eventuell nicht mehr ausreichend?», fragt sich Hartmann selbst. In diesem Zusammenhang verweist Hartmann auch darauf, dass die Zahl der belegten Horste in der Region innerhalb von drei bis vier Jahren verdreifacht habe. Zudem habe in Spanien Ende 2025 die Vogelgrippe gewütet und hunderte Weissstörche dahingerafft. «Wie gesund die überlebenden Tiere in die Schweiz zurückkommen – darauf habe ich auch keine Antwort», führt Hartmann weiter aus. Ebenso fehlen auch verlässliche Angaben, wie viele «Brittnauer» Störche in Spanien verendet seien.
Erste Störche kamen bereits Ende Januar zurück
Doch vorerst scheint noch kaum Grund zur Sorge zu bestehen. Zwar ist dieses Mal nur ein einziger Storch den Winter über in Brittnau geblieben. Doch bereits Ende Januar sind die ersten weggezogenen Weissstörche nach Brittnau zurückgekehrt und haben die Horste rund um Schulhaus und Kirche wieder in Beschlag genommen. Etwa vierzig Störche sind bis Mitte Februar im Storchendorf sesshaft geworden. «So früh waren sie noch nie da», sagt Peter Hartmann. Das hänge in erster Linie damit zusammen, dass die Winter milder geworden seien. «Es ist selten geworden, dass wir über längere Zeit eine geschlossene Schneedecke haben», führt er weiter aus, das komme den Störchen entgegen. Denn die Tiere finden so ein genug grosses Nahrungsangebot. Zudem könnten sie bei Bedarf ihren Energiehaushalt auch über längere Zeit herunterfahren.
Zugverhalten hat sich stark verändert
Einen weiteren Grund für die frühe Rückkehr sieht der Brittnauer Storchenvater in der Tatsache, dass sich das Zugverhalten des Weissstorchs gegenüber früher stark verändert hat. «Die Distanzen, welche die wegziehenden Störche zurücklegen sind allgemein kürzer geworden», betont Hartmann. Ziehen sie wirklich weg, fliegen sie allenfalls noch nach Südfrankreich oder Spanien – aber schon lange nicht mehr über die Meerenge von Gibraltar nach Afrika. Vor allem aber verbleiben seit einigen Jahren immer mehr Störche in der Schweiz. Das zeigen die Zahlen aus der seit 2017 regelmässig durchgeführten Winter-Storchenzählungen eindrücklich. Von den insgesamt 912 Brutstörchen blieben im Winter 2016/2017 288 in der Schweiz, was einem Anteil von 31,5 Prozent entspricht. Der Anteil der sogenannten Winterstörche betrug der Zählung vom 3. Januar 2026 72 Prozent. In absoluten Zahlen: Von den 2458 Brutstörchen haben 1771 ein Winterquartier in der Schweiz bezogen. Ein Storchen-Hotspot war dabei der rund vier Kilometer südlich von Bremgarten gelegene Flachsee, an dem 260 Störche gezählt wurden. Ein neuer Winterstandort in der Region war der Rotkanal in Murgenthal mit 52 Weissstörchen.
Nachfolge wäre endlich geregelt gewesen
Ein unglaublich grosses Wissen hat sich der Brittnauer Storchenvater über «seine» Tiere angeeignet, um die er sich sein halbes Leben gekümmert hat. Und dann so ein Abgang… Am Mittwoch, 18. Februar hat ihm die Abteilung Wald, Jagd und Fischerei eröffnet, dass der Weissstorch zukünftig als Wildtier behandelt werde und deshalb neu in die Zuständigkeit der örtlichen Jagdgesellschaft falle. Ein Danke für 39 Jahre freiwilliges Engagement? Fehlanzeige. Anstand, soviel sei vermerkt, geht definitiv anders. «Es hat mich schon getroffen», sagt Peter Hartmann am Tag danach am Telefon. Auch weil er kürzlich – nach langer Suche – endlich eine Nachfolgerin für sein Amt gefunden hätte. Die erste Storchenmutter von Brittnau braucht ihr Amt nun nicht mehr anzutreten. Thomas Fürst









