Stummer Zeuge eines Stücks Eisenbahn- und Stadtgeschichte
Aarburg Vor 170 Jahren wurde der Bahnhof Aarburg-Oftringen fertiggestellt
Die zentrale Lage des Städtchens Aarburg brachte es mit sich, dass dort schon früh der Bau einer Eisenbahnstrecke geplant und umgesetzt wurde. 1856, vor 170 Jahren, wurde der Bahnhof Aarburg-Oftringen fertiggestellt. Als Teil eines Stücks schweizerischer Eisenbahngeschichte hat er auch die räumliche Entwicklung der Stadt mitgeprägt.
In 170 Jahren hat er viel erlebt. Könnte er sprechen, so wüsste er einiges zu erzählen. Etwa aus den Anfängen der schweizerischen Eisenbahngeschichte. Die Grundlage für den Beginn des Eisenbahnbaus in Aarburg wurde im Jahr 1853 gelegt, als der Kanton Aargau der in Basel ansässigen Schweizerischen Centralbahn (SCB) eine Konzession zum Betrieb von Eisenbahnlinien auf dem Kantonsgebiet erteilte. Bei der Suche nach einem Standort für ihre Hauptwerkstätte entschied sich die Basler Gesellschaft für Olten und gegen Zofingen. Für eine kurze Zeit lang machte es sogar den Anschein, dass die Hauptwerkstätte im südlichen Teil von Aarburg angelegt werden sollte, wie Jakob Bolliger in seiner Stadtgeschichte «Aarburg. Festung, Stadt und Amt» ausführte. Dass dieser Plan scheiterte, dürfte auf die geschickte Einflussnahme der Stadt Olten und am Widerstand der Aarburger Industriellen gelegen haben. Letztere befürworteten zwar die Eisenbahn, fürchteten aber die Konkurrenz einer Bahngesellschaft auf dem Arbeitsmarkt.
Die Centralbahn trieb ihre Projekte mit voller Kraft voran. Noch während das Kernstück ihres projektierten Streckennetzes, die Hauensteinstrecke von Basel nach Olten, im Bau war, begann sie bereits mit dem Bau der von Olten ausgehenden Strecken. In Aarburg lag ab Ende August 1854 der «Plan über die zu errichtende Centralbahn, insofern derselbe das in unserer Gemeinde liegende Grundeigentum betrifft», während dreissig Tagen öffentlich auf. Darin machte die Centralbahn ausdrücklich darauf aufmerksam, dass sie sich mit sämtlichen Personen, die eine Enteignung zu befürchten hätten, auf gütlichem Wege einigen möchte. Der Landerwerb scheint in Aarburg denn auch tatsächlich ohne grössere Unstimmigkeiten durchgeführt worden zu sein. In einem Schreiben des Centralbahn-Direktoriums wird dem Gemeinderat für die loyale Weise, mit der er die Verhandlungen geführt hat, die volle Anerkennung ausgesprochen.
Gemeinden stritten sich über Standort des Bahnhofs
Weniger einvernehmlich verlief hingegen die Auseinandersetzung um die Frage, wo genau der Bahnhof Aarburg-Oftringen zu stehen kommen sollte. In einer Beschwerde an den Regierungsrat machte der Gemeinderat Oftringen geltend, dass Aarburg dem projektierten Bahnhof 1700 Fuss näher liege. Entsprechende Messpunkte waren für Aarburg das Gasthaus Krone, das damals noch im Städtchen lag, für Oftringen die Kreuzstrasse. Oftringen verlangte deshalb, dass der Standort um 850 Fuss südlich verlegt werden solle. Aarburg widersetzte sich diesem Begehren und beschloss, «dass alles Mögliche zur Verhütung eines Weiterrückens des Bahnhofs getan werden solle». Der Entscheid fiel schlussendlich zu Gunsten des Aarestädtchens aus.
Das grösste Hindernis bei den Gelände- und Geleisearbeiten stellte sicher die Querung des Festungsfelsens dar. 1856 musste ein 87 Meter langer Eisenbahntunnel durch den Felsen gegraben werden. Um den anspruchsvollen Zeitplan einhalten zu können, stellte die Bauunternehmung Locher und Näff beim Kirchenrat das Gesuch, die Tunnelbauten auch am Sonntag betreiben zu dürfen. Das Gesuch wurde zuerst abgewiesen, etwas später aber wies der Regierungsrat das Bezirksamt Zofingen an, «das Arbeiten zu gestatten, wo ohne dessen beständige Fortsetzung das bereits Erstellte wieder der Zerstörung Preis gegeben würde».
Eisenbahnbau löst Wandel der Wirtschaft aus
So fand schon am 3. Juni 1856 die offizielle Eröffnung der Centralbahnlinie Aarau–Olten–Emmenbrücke statt, am 8. Juni wurden Freifahrten für die Bevölkerung ausgeführt, am 9. Juni der fahrplanmässige Verkehr aufgenommen.
Vier Züge verkehrten täglich in jeder Richtung, die normale Fahrzeit betrug 2 Stunden und 26 Minuten. Eine Zeit, die heute unendlich lange anmutet. Doch für die damalige Epoche bedeutete diese Fahrzeit eine unglaubliche Beschleunigung. Mit der Postkutsche hätte man für die rund 60 Kilometer lange Strecke zwischen sieben und acht Stunden benötigt, wenn man von einer durchschnittlichen Reisegeschwindigkeit von etwa acht Kilometern pro Stunde ausgeht. Neun Monate später, am 16. März 1857 konnte auch die Bahnstrecke Olten – Aarburg – Herzogenbuchsee eröffnet werden. Im Jahr 1874 erfolgte die Umstellung auf Doppelspur. 1925 wurden die Strecken elektrifiziert – die Dampflokomotiven verschwanden nach und nach von der Bildfläche.
Der Bau von Eisenbahnen in der Schweiz war Auslöser und Motor für den Wandel von einer kleinräumigen, auf Selbstversorgung ausgerichteten Wirtschaftsform hin zu einer grossräumigen, auf Arbeitsteilung beruhenden Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft. Die Eisenbahnen liessen den Raum schrumpfen und die Distanzen kleiner werden. Städte wie Aarburg, die schon früh von der Eisenbahn erschlossen wurden, verfügten automatisch über einen Standortvorteil. Bevölkerungswachstum ging oft einher mit der Ansiedlung neuer gewerblicher oder industrieller Betriebe.
Auch räumlich ergaben sich mit dem Eisenbahnbau grosse Veränderungen. In der Nähe des Bahnhofs entstanden neue Industrie- und Wohnquartiere. So eröffnete die Strickerei Zimmerli 1888 ihre erste Fabrik in unmittelbarer Nähe des Aarburger Bahnhofs, 1927 übernahm die Chemische Fabrik G. Zimmerli, die 1906 nach Aarburg gezogen war, das ehemalige Sägewerk Aarburg in Sichtweite des Bahnhofs. Weltmarktführer wie die Omya (ehemals Plüss-Staufer AG) erbauten 1893 auf Oftringer Boden, die Franke AG 1934 auf Aarburger Boden ihre Fabriken in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs. Eine Entwicklung, die sich auch in anderen Ortschaften der Region beobachten liess: In Rothrist entstanden rund um den Bahnhof nicht nur ein grosses Industriequartier, sondern auch neue Wohnquartiere. In Murgenthal – dort waren die beiden Dorfteile Riken und Glashütten ursprünglich bedeutend wichtiger – entstand rund um den Bahnhof ebenfalls ein neuer Dorfteil. Und in Zofingen wuchs die Ringier AG unmittelbar neben dem Bahnhofgebäude zu einem der bedeutendsten Medienhäuser der Schweiz heran.
Auch Bahnhofareal wandelte sich im Lauf der Zeit
Von den Veränderungen rund um den Bahnhof zurück auf das Bahnhofareal. Dieses erfuhr grosse Veränderungen. 1978 erfolgte der Abbruch des hölzernen Perrondachs. Die Perrons wurden umgestaltet und erhielten neue Bedachungen. Der Bahnhof selbst erhielt eine durchgehende Personenunterführung vom Bahnhofplatz mit Aufgängen zu den Perrons und zum Franke-Areal. Der Güterschuppen am Bahnhof stellte seinen Betrieb 1986 ein, diente aber noch etliche Jahre als Geschäftslokal, bevor an seiner Stelle 2016 der Baubeginn zu einem Wohn- und Gewerbekomplex erfolgte. Auch der Bahnhofplatz erfuhr eine Umgestaltung zur Gewährleistung der beiden nach Olten respektive Zofingen führenden Busverbindungen. Nur das Stationsgebäude blieb von seiner Aussenansicht weitgehend unverändert. Seit 170 Jahren. Und wüsste viel zu erzählen, wenn es sprechen könnte. Thomas Fürst





