Von Eitelkeiten und anderen menschlichen Abgründen
Boningen Das Stück «Durs und durstig» über das Wirtshaus St. Urs überzeugte das Publikum
Nein, beste Freunde sind sie nicht: Durs Kislig (Urs Kissling, gespielt von Willy Gloor), Wirt des Restaurant St. Urs in Boningen, und Urs Lack (Lorenz Killer), der alte Fährmann vom Dorf. Und sie machen dem Vogt zu Bechburg, Johann Schwaller (Rolf Krebs) sowie dessen Schreiber Peter Waldner (Franz Schnider) das Leben schwer, denn die beiden «klagen gegeneinander wegen allem und nichts», so der Vogt. Als er 1643 ein Schreiben des Schultheissen von Solothurn erhält, wonach dieser dem Wirt zu Boningen Holz für ein neues Wirtshaus bewilligt habe, hofft Schwaller auf Besserung der schlechten Nachrichten aus dem unteren Amt. Ein Jahr später ist das neue Wirtshaus errichtet.
Unversöhnliche Streithähne
Doch der Streit zwischen dem Wirt und dem alten Fährmann geht weiter, und alles wird dem Vogt vorgetragen. Dabei kommen charakterliche Abgründe zum Vorschein, die nur allzu menschlich – und vor allem zeitlos – sind: Eitelkeiten und Rechthaberei, Gewalt und Selbstüberschätzung, Selbstmitleid und die Uneinsichtigkeit in eigenes falsches Tun. Deren Ehefrauen, Catharina Kissling (Edith Russi) und Maria Lack (Angie Kunz), sind weitaus vernünftiger als ihre Ehemänner und sehen die Probleme kommen, die die Streitigkeiten ihrer Ehemänner mit sich bringen.
Und da sind noch die fahrende Händlerin Johanna Werder (Karin Longobardi) und ihre Tochter Elisabeth (Alessia Schlatter), die bisweilen in Boningen auftauchen. Sie tragen ein Geheimnis mit sich herum, das zu einer überraschenden Wendung im Stück führt. Eine Schlüsselrolle dabei spielt der Sohn des alten Fährmanns und dessen Nachfolger im Amt, Christen Lack (Andrin Häuselmann). Teile des Stücks wurden an der Premiere vom Freitag von Daniel Som auf der Drehleier musikalisch untermalt.
Reale historischeGegebenheiten
Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten. Aber was an «Durs und durstig» ungewöhnlich ist, ist der Umstand, dass grosse Teile der Handlung auf historischen Ratsprotokollen basieren, die Regisseur Nicolas Russi nur noch in eine dramaturgische Form zu kleiden brauchte. Vor einem Jahr habe man sich für die Aufführung dieses Stücks entschieden. Des Öfteren hatte Russi mit seiner Crew schon im Gasthof zur Fennern in Brittnau Theaterstücke aufgeführt, wo der heutige «St. Urs»-Wirt Alain Lardon tätig war. Als Lardon vor knapp zwei Jahren den «St. Urs» in Boningen übernahm, war auch die Idee geboren, die stillgelegte Bühne zu reaktivieren und «Durs und durstig» zu zeigen. Lardon sorgte mit seinem Team für das begleitende Dreigang-Menü, das von Rezepten aus dem 17. Jahrhundert inspiriert wurde und hervorragend mundete.
Unerwartete Wendungen, grosser Spannungsbogen
Die Leistungen der Truppe wussten die gut 70 Gäste durchwegs zu überzeugen: «Es hatte immer wieder unerwartete Wendungen. Die schauspielerischen Leistungen befanden sich auf einem hohen Niveau», meinte etwa Valentin Ammann aus Zofingen. Christian Fravi aus Boningen kommentierte: «Die Handlungen wurden spannender dargestellt, als ich es erwartet hatte. Für eine Laientruppe hat die Crew eine grossartige Leistung geboten.» Und Ursula Elmer aus Aarburg bekannte: «Das Stück hat mir sehr gut gefallen. Beeindruckend war, was zu jener Zeit alles passierte und wie stark alle Frauenrollen rüberkamen». Beat Wyttenbach



