Wahnsinn macht kreativ
Uerkheim Noch zweimal wird das Stück aufgeführt
Im Dreiakter «Ned ganz 100» von Winnie Abel sind alle nicht ganz normal. Die Premiere der Theatergruppe Uerkheim unter Regie von Ruth Hunziker gibt Einblick in einen konstruierten Irrenhausalltag.
«So wie du bist, bist du okay» dröhnt es aus den Speakern. «Der Kaffee ist kalt» sind die ersten auf der Bühne fallenden Worte. Heiss läuft es dagegen dem neurotischen Finanzbeamten Hans (Reto Aeberhard) den Rücken hinunter, als die sexsüchtige Agnes (Claudia Schüpfer) ein Bein auf seine Oberschenkel legt. Ob sie damit seine Bügelfalten ruiniert, sei dahingestellt. «Lustmolch» bekommt er fürs Reklamieren zu hören. Die Besucher im Saal quittieren es mit Applaus.
Die in die offene Wohngruppe der Psychiatrie St. Urban geflüchtete Nymphomanin ist verzweifelt, ihre Mutter Cécile Adalon (Elisabeth Moser) kündigte ihren Besuch an. Die Verrückten, allen voran der stotternde Richi (Willy Bolliger) soll seine Angstzustände überwinden. Ein Dildo in Richis Hand erzeugt Lachsalven. Irgendjemand johlt immer bei komischen Szenen. Sogar das Personal hinter der Turnhallentheke kann sich Schmunzeln und Lacher nicht verkneifen. So richtig weiss man weder zu Beginn noch am Ende der Komödie, wer normal und wer verrückt ist. Auffälligkeiten weisen alle Charaktere auf. Der Familienbesuch in der Psychiatrie ist anstrengend und Verwechslungen sind absehbar. Psychiater Dr. Schanz (Florian Zaugg) und Therapeut (Beat Baumann) verpassen der eleganten Adalon-Dame eine Zwangsjacke.
Als Schlagersänger Harry Hammer (Bruno Bertschi) zusammen mit Chantal – angeblich Journalistin der grössten Schweizer Boulevardpresse - auftaucht, ist das Chaos komplett. Martina Küng mit Fotoapparat herumhüpfend gab dabei ihr Premierendebut und Agnes‘ Mutter entpuppt sich als Sternschnuppe Zürich, dem Sänger bestens bekannt. Wie die Tochter so die Mutter. Das Portrait des Hitparadenverdächtigen auf dem T-Shirt seiner Verehrerin Marianne (Sona Hunziker) begeistert. «Der Wahnsinn macht mich noch kreativ», tönt der depressive Künstler Jean-Luc (Beat Bertschi). Dass dabei das eine oder andere Geschirr zerbricht, war nicht die Schuld der Tupperware-Tante (Nadja Strub). Dank der bewährten Technik von Daniel Hunziker verstand man die auf der Bühne gesprochenen Dialoge auch auf den hinteren Plätzen der Uerkner Turnhalle.
Besuch in einer offenen Wohngruppe der psychiatrischen Klinik zu empfangen, ist nicht einfach, wenn die Begegnung normal ablaufen soll. Die Besucher dürfen nicht merken, dass sie eine Irrenanstalt betreten? Nymphomanin Agnes Adolon, verkörpert von Claudia Schüpfer, Tochter einer reichen Hotelfamilie steht genau vor diesem Problem, als ihre Mutter Cécile (Elisabeth Moser) sich spontan zu Besuch anmeldet. Diese denkt, ihre Tochter wohne in einer feudalen Villa statt in einer Klapsmühle. Agnes versucht ihre Mitbewohner zu motivieren, sich wie normale Menschen zu verhalten. Wie sich jeder vorstellen kann, geht das ziemlich schief. Die Schlüsselfrage, mit der die Zuschauenden konfrontiert werden, lautet: Wer ist hier verrückt ist, und was bedeutet normal?
Die einprägsamen Charaktere sind schnell auszumachen. Beat Bertschi spielt den manisch-depressiven Künstler Jean-Luc und Willy Bolliger den stotternden, unter Soziophobie leidendenden Richi. Die Rolle des zwangsneurotischen Finanzbeamten Hans mit Putzfimmel ist Reto Aeberhard auf den Leib geschnitten. Neben dem unvermeidlichen Psychiater (Florian Zaugg) betreten eine liebeswahnsinnige Schlagerverehrerin (Sonja Hunziker) und eine anscheinend normale Zeitungsreporterin (Martina Küng) die Bretter, die die Uerkheimer Theaterwelt bedeuten. Der Aufenthaltsraum der Wohngruppe ist stark frequentiert. Eine Tupperware-Verkäuferin (Nadja Strub) verirrt sich mit mässigem Erfolg gleich im ersten Akt. Beschäftigungstherapeut Rolf (Beat Baumann) versucht sein Bestes aus der Wohngruppe mit Verwirrten und Normalen einen ordentlichen Tagesablauf zu organisieren, und Bruno Bertschi als Schlagerstar Harri Hammer sorgt für die eine oder andere Aufregung.
Einfältiges und Zweideutiges machen die Pointen aus. «Kann ich ihnen eine Tasse Kaffee anbieten, wir haben wirklich Tassen im Schrank» oder «Kalorie, das si die chliine Tierli, wo Znacht d Chleider änger nähe», darf als Kostprobe verstanden werden. Eine offensichtliche Leiche gibt es auch, doch die wird schnell unter den Teppich gekehrt. Alles in allem wartet auf die Besucher eine deftig verrückte Theaterkost, bei der Ruth Hunziker einmal mehr die Regie führt. Warum der Dreiakter «Ned ganz 100» heisst, müssen die neugierig Gewordenen selbst herausfinden, am Besten in dem sie eine der Vorstellung besuchen. Aufführungen finden am Freitag, 16. und Samstag, 17. Januar, jeweils um 20 Uhr statt. Vorverkauf: Dorflädeli, Elsbeth Byland, Dorfsztrasse 50, Uerkheim oder via Telefon 062 721 00 52. Alfred Weigel



