Warum die regionale Wirtschaft mehr denn je nach Europa schaut
Rothrist Tag der regionalen Wirtschaft mit Preisverleihung
Beim WRZ-Anlass in Rothrist standen bilaterale Beziehungen, Bürokratie und Fachkräftemangel im Fokus. Economiesuisse-Präsident Christoph Mäder warnte vor mehr Verletzlichkeit der Schweiz und Michael Pieper wurde mit dem WRZ-Award ausgezeichnet.
Bei Schöni Transport AG in Rothrist traf sich vergangene Woche die regionale Wirtschaft. Zuerst zur Generalversammlung des Verbands Wirtschaft Region Zofingen (WRZ), anschliessend zum Tag der Regionalen Wirtschaft, der ganz unter dem Zeichen «Die Schweizer Wirtschaft in anspruchsvollen Zeiten» stand. Zum Schluss durfte der letztjährige Preisträger Toni Negri den WRZ-Award an einen weiteren regionalen Unternehmer übergeben.
Die nächste Generation steht bereit
Bevor sich die rund 130 Teilnehmer den wirtschaftlichen Ausführungen der diversen Redner widmeten, besichtigten sie die Schöni Transport AG. Seit zehn Jahren ist das Unternehmen, das der Vater von Patron Daniel Schöni 1969 gegründet hat, in Rothrist ansässig. In einem Monat wird dies mit einem Fest für die Öffentlichkeit und einem grossen Personalfest gefeiert.
Das Unternehmen selbst stehe im Moment in einer Umbruchphase, sagte Daniel Schöni anschliessend an die Führung. Schönis drei Kinder übernehmen mehr und mehr Verantwortung im Unternehmen. Entsprechend haben Livio und Alena Schöni ebenfalls einen Teil des Unternehmens vorgestellt.
Ein Schnelldenker mit stoischer Ruhe
In seiner Begrüssungsrede schaute WRZ-Präsident Peter Gehler nicht nur auf die vier grossen regionalen Projekte (multifunktionale Eishalle in Oftringen , Swissprinters Areal , der Bau eines Abfallkraftwerks in Oftringen (Projekt Enphor) und die Festung Aarburg ), sondern auch auf die Weltlage, die Beziehung zu EU und USA sowie auf die kantonale Ebene. Hier freute er sich insbesondere über die Beschleunigung der Baubewilligungsverfahren.
Anschliessend führte Peter Gehler den Redner Christoph Mäder ein, der noch bis im Herbst Präsident von Economiesuisse ist. Mäder sei ein Schnelldenker mit einer stoischen Ruhe, selbst wenn rundherum die Fetzen flögen, sagte Gehler. Ausserdem habe Mäder die Wirtschaft politischer und kampagnenfähiger gemacht, denn die Zeiten, als sich der Wirtschaftsverband in nobler Zurückhaltung habe üben können, seien vorbei.
Die Schweiz ist verletzlicher geworden
«Die Verletzlichkeit der Schweiz hat massiv zugenommen», sagte Christoph Mäder in seinem Referat, in dem er die Herausforderungen aufzeigte, vor denen die Schweiz steht – oder schon mittendrin steckt. So sei die Schweiz als Exportnation darauf angewiesen, gute Beziehungen mit den Nachbarn zu pflegen, denn mehr als die Hälfte der Schweizer Exporte geht in die EU.
«Den Sonderfall Schweiz gibt es nicht mehr, auf die Schweiz wird keine Rücksicht genommen», ist Mäder überzeugt. Entsprechend spricht er sich deutlich für die Bilateralen III aus. Sie seien vielleicht nicht vollständig, aber immerhin so weit wie möglich auf die Schweizer Bedürfnisse zugeschnitten.
Auch weitere Punkte sprach Mäder in seinem Referat an. Die Bürokratie, die kleine wie grosse Unternehmen gleich behindert («Wir brauchen die EU nicht für die Bürokratie, das können wir selber.»), die angespannte Sicherheitslage («Sicherheitspolitisch dürfen wir uns nicht isolieren. Isolation ist kein Erfolgsrezept einer erfolgreichen Wirtschaft.») und den Arbeits- und Fachkräftemangel.
Panel mit regionalen Wirtschaftsvertretern
Im anschliessenden Panel unter der Leitung von ZT-Redaktionsleiterin Lilly-Anne Brugger vertiefte Christoph Mäder die angesprochenen Punkte zusammen mit Felix Schönle, Martin Wyser und Robin Wasser. Schönle brachte als CEO der Wernli AG die Perspektive eines in Europa produzierenden Medizinalunternehmens ein. Martin Wyser, Mitglied der Konzernleitung der Artemis Group, zeigte mit Franke Industrie AG die Sicht eines regional produzierenden Unternehmens auf, das seine Produkte europa- und weltweit exportiert. Robin Wasser, zuständig für Firmenkunden bei der UBS, zeigte jeweils die Perspektive der Finanzbranche auf.
Regionaler Unternehmer, der weltweit tätig ist
Anschliessend folgte der eigentliche Höhepunkt des Tages: die Verleihung des WRZ-Awards. Der letztjährige Preisträger, der Zofinger Bauunternehmer Toni Negri, durfte den Award an Michael Pieper, Patron der Artemis Group, weiterreichen. «Der Award ist mit null Franken dotiert», sagte Peter Gehler. Er hoffe trotzdem, dass der Award einen Platz in Piepers Büro oder Zuhause finde. «Sie sind ein riesiges Vorbild für mich. Es ist fantastisch, was sie alles erreicht haben. Nicht nur regional, auch weltweit», sagte der vorherige Preisträger Toni Negri. Michael Pieper habe ein Lebenswerk erschaffen, das Seinesgleichen suche.
Toni Negri erinnerte sich an die Zeiten zurück, als er jeweils am frühen Samstagmorgen bei Michael Pieper erscheinen musste für die Arbeitsvergaben. Auch eine extra gekaufte Krawatte habe Michael Pieper bei den Verhandlungen nicht milder gestimmt. «Ihnen und den alten Zeiten zuliebe habe ich die Krawatte heute wieder angezogen», sagte Negri.
Ein sichtlich gerührter Michael Pieper nahm den Award entgegen. Der wirklich Innovative sei der Spenglermeister Hermann Franke gewesen, der angefangen habe, Küchenabdeckungen aus Edelstahl zu produzieren, sagte Pieper bescheiden. Piepers Vater kaufte den Betrieb von Hermann Franke, Michael Pieper übernahm ihn dann und baute ihn zu dem internationalen Unternehmen aus, das es heute ist. Man müsse immer vorwärts schauen, unterstrich Pieper. «Wenn Sie ein Pessimist sind, kommen Sie nicht vorwärts, Sie müssen ein Optimist sein», rief er dem Publikum zu.
Lilly-Anne Brugger



