Weihnachtsbaum auf Tauchgang – Egli erhält Kinderstube
Aarburg Die Aarburger Fischer betätigen sich als Geburtshelfer
Den Fischen in der Aare fehlen vielfach die notwendigen Strukturen. Mit dem Versenken von Weihnachtsbäumen helfen die Mitglieder des Fischervereins Aarburg nach. Die Bäume dienen dem Egli als Laichhilfe, bieten Wohnraum und Unterschlupf, dienen aber auch als Nahrungsquelle.
Die Szenerie mutet an diesem Samstag, 14. März, fast ein wenig komisch an. Während anderswo langsam aber sicher Frühlingsgefühle aufkommen, beschäftigen sich die Mitglieder des Fischervereins Aarburg nochmals mit Weihnachten. Aus gutem Grund. «Wir versenken heute 60 Weihnachtsbäume bei den oberen Inseln und schaffen damit Laichhilfen, die in erster Linie vom Egli benutzt werden», betont Simon Klöti, Fischereiaufseher und Präsident des Fischervereins Aarburg. Auf einen kurzen Nenner gebracht: Fischer schaffen Lebensraum. So heisst nämlich auch ein Projekt, das der Schweizerische Fischerei-Verband um 2016 initiiert hatte, um die Revitalisierung von Gewässern zu fördern. Dieses Projekt läuft bis heute weiter und hat ab 2024 auch im Aargau richtig Fahrt aufgenommen. Der Tauchgang der Weihnachtsbäume an der Aare wird, obwohl er «wahrscheinlich schon zum zehnten bis zwölften Mal durchgeführt wird», wie Simon Klöti sagt, zum Teil mit Mitteln aus diesem Projekt alimentiert. Und nicht nur das: Reto Wittwer, der Projektverantwortliche des Aargauischen Fischerverbands, erweist den Aarburger Fischern am Samstag mit einem Besuch die Ehre und dankt ihnen für ihr Engagement.
Das Lebensraum-Projekt des Fischerverbands geht zurück auf die Revision des Schweizer Gewässerschutzgesetzes von 2011, mit der verbindliche Ziele formuliert wurden: Von den rund 15’000 Kilometern Fliessgewässern in schlechtem ökologischen und strukturellen Zustand sollten bis 2090 rund 4000 Kilometer – das entspricht 50 Kilometern pro Jahr – revitalisiert werden. Die Umsetzung erfolgte bisher aber mehr als nur schleppend: Bis Ende 2024 waren noch nicht einmal 300 Kilometer revitalisiert, vor allem weil Grossprojekte zur Umsetzung von Gewässerschutzmassnahmen an Alpenrhein oder Rhone blockiert sind.
In dieser unbefriedigenden Situation drehte der Schweizerische Fischerverband auf Initiative seines Vorstandsmitglieds Sämi Gründler den Spiess einfach um. Statt auf die Umsetzung der Grossprojekte zu warten, wurden in einem Praxishandbuch einfache Rezepte für Aufwertungsmassnahmen geliefert, die sich auf den andern 11’000 Kilometern von Fischervereinen oder Pachtgruppen ohne grosse Bewilligungsverfahren und ohne Einsatz von Baumaschinen, dafür aber äusserst einfach und wirkungsvoll umsetzen lassen.
Klare Regelungen
Damit zurück an die Aare und zum Weihnachtsbaumprojekt der Aarburger Fischer. Bei der Fischerhütte in Boningen haben sich zehn Helfer eingefunden. Und ein aufgeweckter Bursche. «Sind Sie von der Presse?», will er gleich wissen und stellt sich sofort vor: «Ich bin Rico – und ich bin der einzige Jungfischer hier», meint der 14-jährige Rico Haschka stolz. Super, dass er beim Projekt mithilft. Rund 60 Weihnachtsbäume, ein Haufen Natursteine – gespendet vom Küngoldinger Landwirt Thomas Widmer und vom Zofinger Strassenbauunternehmen Aeschlimann AG – sowie Sisalseile liegen in Ufernähe. Grosse Erklärungen von Seiten des Präsidenten braucht es dann nicht mehr. Die erfahrenen Helfer wissen, wie sie die Steine mittels Naturseilen an den Weihnachtsbäumen zu befestigen haben, damit diese nach dem Tauchgang auf dem Grund der Aare verbleiben. «Die Vorgaben des Kantons sind klar formuliert», sagt Simon Klöti. Es dürften ausschliesslich natürliche Materialien verwendet werden. «Wir führen hier keine 2 x Weihnachten-Aktion für Christbäume durch», führt Klöti schmunzelnd aus. Was soviel bedeutet, dass die am Aareufer lagernden Christbäume kein Weihnachtsfest erlebt haben dürfen, weil die Bäume weder Wachs- noch Lametta-Rückstände aufweisen dürfen. Auch die verwendeten Seile bestehen aus Naturfasern. Die vom Kanton erteilte Bewilligung schreibt auch vor, dass die Bäume an Orten mit geringerer Strömung deponiert werden müssen, damit sie bei Hochwasser nicht im Rechen des Wasserkraftwerkwerks Ruppoldingen landen. Und last but not least dürfen sie auch die Schifffahrt nicht beeinträchtigen. Doch das ist an dieser Stelle unmittelbar vor dem Wehr definitiv nicht ein gröberes Problem...
Gut vorbereitet – im Schnellzugtempo durchgezogen
Dann geht’s zackig voran. Nicht zuletzt auch deshalb, weil der Weihnachtsbaum-Tauchgang gut vorbereitet ist. Ein vierköpfiges Team hat am Vortag bereits die Löcher in die Natursteine gebohrt, durch die die Sisalseile hindurchgezogen werden müssen. Zudem sind mit Hansruedi Joss und Christoph Oschwald gleich zwei Süsswasserkapitäne mit ihren Booten vor Ort. Das Helfer-Team erledigt die Arbeiten bei nicht gerade frühlingshaftem Wetter – zuerst regnet, dann schneit es – und kühlen Temperaturen konzentriert und schnell. Grössere Tannenbäume werden entzweigesägt, die Steine mit einer Schubkarre am Ufer deponiert, Sisalseile mit den Steinen verknotet, Weihnachtsbäume auf die Boote verladen, auf der Fahrt werden die Steine an die Bäume geknotet – und schon werden die erste Bäume entlang des Aargauer Ufers und unterhalb der Inseln über Bord geworfen. Für die Weihnachtsbäume beginnt nun unter Wasser ein zweites Leben – für viele junge Egli schon bald ein erstes. Nach einer knappen Stunde liegen sämtliche Weihnachtsbäume an jenen Stellen auf dem Aaregrund, an denen die Fliessgeschwindigkeit nicht sehr hoch ist. Dann wird das restliche Material beim Aarehüttli deponiert und die Nadelresten zusammengewischt. Präsident Simon Klöti ist zufrieden mit der Arbeit, die seine Mannen geleistet haben und auch der Projektverantwortliche des Aargauischen Fischerverbands, Reto Wittwer, spricht nochmals seinen Dank aus. Dann geht’s ab ins Hüttli, wo ein wohlverdienter Imbiss auf die engagierten Fischer wartet.
«Wo Holz ist, ist auch Fisch»
«Der Aaregrund gleicht einer Mondlandschaft, in der Strukturen weitgehend fehlen» – das war der Eindruck von Simon Klöti, beim Anblick von Unterwasseraufnahmen, die Taucher vor einiger Zeit erstellt hatten. Insbesondere im Kies laichende Fische wie Äschen und Forellen haben es schwer. Ihre Bestände haben in der Aare stark abgenommen. Von den Strukturen, die mit den versenkten Weihnachtsbäumen geschaffen werden, können hingegen pflanzenlaichende Fische profitieren. «Das ist in erster Linie der Egli», weiss Simon Klöti, ab und an aber auch der Hecht. Wobei letzterer seinen Laich vorzugsweise im Schilfgürtel am Solothurner Ufer ablegt. Die mit den Weihnachtsbäumen geschaffenen Strukturen sind aber auch in vielerlei weiterer Hinsicht wertvoll. Sind die jungen Egli erst einmal geschlüpft, finden sie zwischen dem Geäst der Bäume nicht nur ihren Wohnraum. Denn dieser bietet ihnen zugleich Schutz vor ihren Fressfeinden wie anderen Fischen, Vögeln und natürlich auch vor Fischern.
«Wo Holz ist, ist auch Fisch» – gilt unter Fischern als bekanntes Sprichwort. Und trifft auch bezüglich der versenkten Weihnachtsbäume den Nagel auf den Kopf. Denn totes Holz nützt auch den Fischen, wie Daniel Ducret im Abschlussbericht zum «Eglibaumprojekt Thunersee» 2021 feststellte, und ist insbesondere als Nahrungsquelle wertvoll. Der sich rasch bildende Überzug aus Algen locke verschiedene Kleintiere an, die wiederum den Fischen als Nahrung dienen. Erstaunlich sei die Vielfältigkeit der Kleinstlebewesen, welche an den versenkten Weihnachtsbäumen anzutreffen ist. Insekten profitieren von neu geschaffenem Lebensraum und stellen zugleich eine potenzielle Nahrungsquelle für andere Wasserbewohner wie Wasservögel und Fische dar, stellte Ducret in der Zeitschrift «Petri-Heil» fest. «Auch wenn wir keine Erfolgskontrollen durchführen können, so ist es unbestritten, dass das Versenken der Weihnachtsbäume Sinn macht», meint Simon Klöti abschliessend. Seine Beobachtungen würden jedenfalls zeigen, dass die Egli-Fänge in den letzten 10 – 12 Jahren tendenziell zugenommen hätten.
Thomas Fürst





