Wenn das eigene Zuhause zur Gefahr wird
Vordemwald Irene Giger sprach im Sennhof über häusliche Gewalt

Rund vierzig Mitarbeitende aus pflegerischen und betreuenden Institutionen durfte Geschäftsführer Urs Schenker vergangene Woche im Sennhof zu einer weiteren regionalen Netzwerkfortbildung willkommen heissen. Mit Irene Giger, dipl. Expertin Anästhesiepflege im Spital Zofingen, konnte er eine kompetente Referentin begrüssen, die zu einer brisanten Thematik sprach: häusliche Gewalt. Kompetent, weil Giger einerseits eine Weiterbildung als Forensic Nurse absolviert, andererseits selbst auch häusliche Gewalt erlebt hat. «Ich nehme Sie mit auf einen Weg, der berührt, aufklärt und Mut macht», versprach die Referentin ihrem Publikum gleich zu Beginn, denn «jedes Hinschauen kann der erste Schritt sein, ein Leben zu verändern.»
Die Zahl der Straftaten im häuslichen Bereich zeigt seit einigen Jahren nur in eine Richtung: nach oben. Deutlich über 20'000 Straftaten verzeichnet die Schweizerische Kriminalstatistik 2025, während es 2010 noch leicht mehr als 15'000 waren. Die Straftatbestände unterscheiden sich in ihrer Schwere deutlich. Sie reichen von Tätlichkeiten (6706 registrierte Straftatbestände), Drohungen (4406) oder Beschimpfungen (4095) bis hin zu 660 Vergewaltigungen, 139 Entführungsversuchen, 59 Tötungsversuchen und 34 vollendeten Tötungen. Anders ausgedrückt: Alle zehn Tage wurde in der Schweiz im vergangenen Jahr eine Frau ermordet.
Hinsehen, handeln, helfen
«Häusliche Gewalt beginnt dort, wo der Respekt endet, Gleichwertigkeit verschwindet, Kontrolle zur Normalität wird, Angst entsteht», führte Irene Giger aus, meist beginne sie nicht mit Schlägen. Deshalb sei umso wichtiger, dass Personen im privaten und beruflichen Umfeld genau hinsehen und nicht wegschauen würden. Wo ziehen sich Menschen zurück, wo häufen sich Ausreden für Verletzungen?
Die Gesundheit der betroffenen Personen werde, so Giger weiter, immer beeinträchtigt – nicht nur bei sichtbaren körperlichen Verletzungen. Dazu kämen vielfach finanzielle Probleme. Hilfe bietet in solchen Situationen zum Beispiel die Opferhilfe, welche unter der Telefonnummer 142 erreichbar ist: mit kostenloser Beratung, Soforthilfe, längerfristiger Unterstützung und auch finanzieller Hilfe.
Fortschrittlich ist in dieser Beziehung der Kanton Zürich, welcher im April 2024 ein Pilotprojekt aufsuchender Dienst Forensic Nurse gestartet hat. Forensic Nurses, das sind speziell ausgebildete Pflegefachfrauen, welche Menschen, die Opfer von Gewalt oder Straftaten geworden sind, nicht nur medizinisch betreuen, sondern auch eine forensische Dokumentation erstellen, die vor Gericht standhält. Das Zürcher Pilotprojekt zeigte ebenso wie die abschliessende Plenumsdiskussion eindrücklich auf, wie notwendig die Arbeit der Forensic Nurses ist. Von April bis Dezember 2024 bearbeiteten die Nurses 279 Fälle, erwartet worden waren 150. Im vergangenen Jahr gab es statt 350 erwarteten bereits schon 512 Fälle. «Leider fehlt im Kanton Aargau ein solches Angebot», bedauerte Irene Giger.
Thomas Fürst